Am Anfang steht ein Polizeieinsatz. "Herr Schulz, Sie sind ein Volksverräter", brüllt ein Mann, der sich mit zwei Gleichgesinnten in die erste Etage des Foyers in der Kongresshalle Dortmund geschlichen hat. Unten steht SPD-Chef Martin Schulz. Kurz vor Beginn eines Treffens mit Parteitagsdelegierten preist er die europapolitischen Ergebnisse der Sondierungsgespräche mit der Union. Die Pöbler sind für ihn eine Steilvorlage: "Europa rückt nach rechts", sagt der ehemalige EU-Parlamentspräsident und setzt nach: "Leute wie diese werden heute wieder gewählt."

Komplizierter ist für Schulz der Umgang mit seiner Partei. Viele seiner Genossen lehnen eine neue große Koalition ab. In Sachsen-Anhalt, Thüringen und Berlin sprachen sich die Landesverbände gegen ein neues Bündnis mit CDU und CSU. Auf der Habenseite verzeichnet Schulz die Landesverbände Brandenburg und Niedersachsen. Nun muss Schulz diese Woche die zweifelnden Delegierten in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Rheinland-Pfalz überzeugen, bis zum Parteitag am Sonntag ihren Widerstand gegen Koalitionsverhandlungen aufzugeben. 

Alle drei sind große, einflussreiche Landesverbände, die einen Parteitag zum Kippen bringen können. Doch kein Bundesland schickt mehr Delegierte nach Bonn als NRW. Deshalb besucht Schulz am Dienstag hier ein zweites Delegiertengespräch in Düsseldorf. 

Der Parteichef kämpft um jede Stimme, seine politische Zukunft hängt maßgeblich davon ab, ob eine große Koalition zustande kommt. Doch die Bedingungen sind hart: Der Parteinachwuchs mobilisiert dagegen. Die Sondierer der SPD hätten eine "faktische Obergrenze" für Flüchtlinge akzeptiert, bemängelt Matthias Glomb, Bundesvize der Jusos, der mit vielen anderen Delegierten zu dem Gespräch nach Dortmund gekommen ist. 

Dort sprechen sie offen aus, was sie stört: Die 48 Prozent Rentenniveau aus dem Sondierungspapier seien "eigentlich kein Gewinn", sagt die Gelsenkirchenerin Heike Gebhard – das sei für die kommenden Jahre sowieso garantiert. Auch die Grundrente, die mindestens zehn Prozent über der Grundsicherung liegen soll, findet sie eine "Mogelpackung", weil eine Bedürftigkeitsprüfung daran geknüpft ist. Thomas Besler aus Herford ist unentschlossen, ob er die große Koalition gut finden soll. Er vermisst ein Verbot von Kettenarbeitsverträgen im Sondierungspapier. Eine Berufsschullehrerin aus dem SPD-Unterbezirk Dortmund beklagt die fehlende Aussicht auf eine Bürgerversicherung. Auch die Einigung zum Familiennachzug ist für sie unklar: "Wer soll denn entscheiden, wer die 1.000 Angehörigen sind, die pro Monat kommen dürfen?", fragt die 32-Jährige. Sie werde auf keinen Fall für die große Koalition stimmen.

Schulz will aus diesem "Gegenwind Rückenwind machen" und zieht sich mit den etwa 70 Delegierten aus Ostwestfalen-Lippe und dem westlichen Westfalen in einen Konferenzsaal zurück. Als die Tür zugefallen ist, wird es laut. Schulz erhebt sich von seinem Stuhl hinter dem Podiumstisch. In einem langen, in engagiertem Fortissimo gehaltenen Vortrag verteidigt er das Sondierungsergebnis. Er klingt, als gelte es, renitente Gegner niederzubrüllen und nicht Zweifel auszuräumen oder Skeptiker umzustimmen. Nach etwa 20 Minuten gib es einen ersten Applaus. Dann beginnt die Diskussion.