Das war knapp! Nach einer Woche heftigsten Streits und einer leidenschaftlichen Debatte auf ihrem Parteitag in Bonn haben sich die Sozialdemokraten zu einem Ergebnis durchgerungen: Sie wollen weiter darüber verhandeln, ob sie noch einmal vier Jahre in eine Koalition mit der CDU und der CSU gehen. Eine für sie riskante Neuwahl ist damit erst einmal abgewendet. Sollten die 450.000 SPD-Mitglieder nach erfolgreichen Koalitionsverhandlungen ebenfalls Ja sagen, könnte kurz vor oder nach Ostern eine neue Bundesregierung stehen – ein halbes Jahr nach der Bundestagswahl. Immerhin. Mehr aber auch nicht.

Es war wie zu erwarten kein überzeugendes Votum. Das hatte sich schon im Vorfeld des Parteikonvents abgezeichnet, als sich zahlreiche Landes- und Kreisverbände sowie die Jusos vehement gegen das Ergebnis der Sondierungen und eine weitere große Koalition stellten. Martin Schulz musste seine ganze, arg dezimierte Autorität als Parteichef aufwenden, um die Delegierten doch noch zu einem knappen Ja zu bewegen. Und er brauchte nach einer matten Rede Hilfe: Fraktionschefin Andrea Nahles drehte mit einer fulminanten Ansprache die Stimmung – und rettet so ihren Parteichef.

Am Ende war es mehr ein Akt der Verzweiflung als der Vernunft. Denn die Delegierten wussten: Hätte die Mehrheit gegen die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen gestimmt, hätte das unweigerlich zur Neuwahl geführt – und bei der hätte die Partei nach dem Debakel vom 24. September und dem Schleuderkurs von Schulz und dem Vorstand einen weiteren Absturz fürchten müssen. Mit der realen Gefahr, von der AfD überholt zu werden und in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, ähnlich wie sozialdemokratische Parteien in anderen europäischen Ländern auch. Zudem hätte die SPD sich einen neuen Vorsitzenden suchen müssen, nach nur einem Schulz-Jahr.

Aus Angst vor beidem entschieden sich eine knappe Mehrheit von 54 Prozent der Delegierten und Vorstandsmitglieder für das vermeintlich kleinere Übel: Sie stimmten Koalitionsverhandlungen zu und damit dem Weg des wahrscheinlich anhaltenden politischen Siechtums in einer ungeliebten Koalition – mit der vagen Perspektive eines Aufschwungs irgendwann statt eines schnellen Selbstmords. Ein schwarz-rotes Bündnis ist aber noch nicht gewiss. Am Ende der Koalitionsverhandlungen stimmen die Parteimitglieder darüber ab, ob die große Koalition fortgesetzt wird.

Um die Delegierten zu ködern, versprach Schulz, in den Verhandlungen mit der Union für Verbesserungen der Sondierungsergebnisse zu kämpfen, etwa für die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverträgen. Nahles sagte, man werde verhandeln, "bis es quietscht". Aber beide wissen, dass die SPD allenfalls noch kleinere Korrekturen wird durchsetzen können. Denn die Union müsste eine Neuwahl weniger fürchten. Sie wird daher nicht grundlegend neu verhandeln wollen.

Vager Plan C

Einige in der Partei setzen nun offenbar darauf, die Verhandlungen mit der Union platzen zu lassen, falls diese nicht nachgibt. Danach, so das Kalkül, könnte sie mit besseren Chancen in eine Neuwahl gehen, weil sie die Verantwortung für das Scheitern dann der Union zuschieben könnte.

Verbessert hat sich die Lage der SPD durch das enge Abstimmungsergebnis so oder so keineswegs. Sie bleibt an die Union und Merkel gebunden. Statt des erhofften personellen und inhaltlichen Neuaufbaus in der Opposition wird die Partei weiter Mitverantwortung tragen für eine Politik, die sie allenfalls in Teilen will.