Das knappe Ergebnis des SPD-Sonderparteitags in Bonn zeigt nach Ansicht von Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter, dass das Sondierungsergebnis "hinten und vorne" nicht reiche. Die Basis wolle mehr als ein Weiter so, mehr als halbherzige Sozialpolitik. So ambitionslos wie bisher dürften SPD und Union nicht weitermachen, kritisierte Hofreiter. Die zweite grüne Fraktionsvorsitzende, Katrin Göring-Eckardt, twitterte: "Von Aufbruch, von Leidenschaft, von Lust auf Regieren war wenig zu spüren. Schade." Die scheidende Grünen-Bundesvorsitzende Simone Peter meinte: "Das wird schwer für die Partei – und die Mitglieder bei Urabstimmung."

Die AfD bezeichnete die Entscheidung der SPD-Delegierten als "würdelos" und "unglaubwürdig". Die Sozialdemokraten hätten sich nun entschieden, ihren "trudelnden Blindflug" in die Bedeutungslosigkeit fortzusetzen, sagte Parteichef Jörg Meuthen. Das Ziel der AfD, im Bund langfristig zweitstärkste Kraft zu werden, sei dadurch noch ein Stück näher gerückt. Dass die AfD-Fraktion durch eine Regierungsbeteiligung der SPD im Bundestag Oppositionsführerin werde, sei darüber hinaus "schön und bietet Chancen".

FDP sagt "Groko auf Abruf" voraus

FDP-Chef Christian Lindner sagte: "Wenn die gesamte Führung für den Regierungseintritt wirbt, aber nur eine knappe Mehrheit des Parteitags folgt, ist das eine Hypothek." Widersprüche zwischen den Koalitionspartnern werden nach der "Methode Merkel" nun vermutlich mit noch mehr Steuergeld zugeschüttet." Union und SPD würden versuchen, die Menschen in der Gegenwart mit Verteilungspolitik zu besänftigen, kritisierte Lindner. "Gegen diese Art Politik haben wir uns bei den Jamaika-Gesprächen gewehrt."

FDP-Fraktionsvize Michael Theurer prophezeite: "Die Union wird noch so manchen faulen Kompromiss mitmachen, damit Frau Merkel noch einmal zur Kanzlerin gewählt wird." Die neue Koalition sei schon jetzt zerstritten und gescheitert: "Das knappe Ergebnis zeigt, das ist eine Groko auf Abruf."

"Atomisierung der Sozialdemokratie"

Die Linke nannte die Entscheidung der SPD einen historischen Fehler. "Es droht die endgültige Atomisierung der deutschen Sozialdemokratie", sagte Parteichefin Katja Kipping. Der Co-Vorsitzende Bernd Riexinger meinte: "Die SPD begeht Harakiri." Kommissionen, Arbeitsgruppen und Halbzeitbilanzen könnten nicht darüber hinweg täuschen, dass sich in der SPD diejenigen durchgesetzt hätten, die um jeden Preis an der Macht bleiben wollten. "Wer in den kommenden vier Jahren soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und Frieden erkämpfen will, muss dies gegen die Groko durchsetzen."

Die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Julia Klöckner begrüßte den Beschluss: "Glückwunsch zur Entscheidung und Bereitschaft, sich doch in den Dienst des Landes zu stellen", schrieb sie auf Twitter. Der CSU-Politiker Joachim Herrmann machte deutlich, dass das Sondierungsergebnis nach seiner Auffassung nicht zur Disposition stehe. Die Kernpunkte dürften nicht mehr infrage gestellt werden, forderte auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU).

Strobl will keine "Hasenfüße"

Der Vorsitzende der Mittelstands-Union, Hans Michelbach (CSU), verlangte von den Sozialdemokraten ein "Zeichen der Verlässlichkeit": Die SPD habe erneut ein Bild der Zerstrittenheit geboten. CDU-Vize Strobl forderte die SPD auf, die Koalitionsgespräche "nicht hasenfüßig" zu führen. Es dürfe nicht Maßstab sein, ob der Koalitionsvertrag den SPD-Mitgliedern gefalle.

Die deutsche Wirtschaft hofft nun auf die baldige Bildung einer stabilen Regierung. "Ich begrüße die Entscheidung der SPD, nun in Koalitionsverhandlungen mit der Union einzutreten. Wir brauchen eine handlungsfähige Regierung", sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Sein Kollege vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag Eric Schweitzer schränkte ein: "Aus Sicht der Wirtschaft ist das Votum auf der Wegstrecke ein durchwachsenes Signal." Es drohten Belastungen der Verhandlungen durch Nachforderungen der SPD.