Es hat überhaupt nicht wehgetan. Dass die Grünen am Freitagabend auf dem Parteitag in Hannover für ihren Hoffnungsträger Robert Habeck die Satzung geändert haben, wurde nicht einmal von den Verlierern als Verrat empfunden. Dafür war vor allem ein gelungener Moment verantwortlich: Mit Jürgen Trittin warb der Kopf des linken Parteiflügels dafür, das Mandat nicht auf Kosten des Amts zu denunzieren und dem Realo Habeck acht Monate Übergangszeit im Amt als Umweltminister parallel zum Bundesvorstand zu gewähren: "Wir müssen aufhören so zu tun, als gebe es eine unbefleckte Tätigkeit in der Partei, und alles was Regierung ist, ist falsch oder kompromisslerisch", sagte er. Trittin hätte das nicht tun müssen. Eine Zustimmung von 81 Prozent war am frühen Samstagnachmittag das Ergebnis – weit über der geforderten Zweidrittelmehrheit, um die Habecks Mitstreiter lange gefürchtet hatten.

Nach den Jamaika-Verhandlungen standen die Grünen zwar ohne Machtoption da, aber das Publikum hatte ihr geeintes, kompromissbereites Auftreten honoriert: Waren sie in Umfragen im Herbst noch mit sechs Prozent gehandelt worden, stehen sie nun bei zwölf.

Der Beschluss, die strikte Unvereinbarkeit von Amt und Mandat zu lockern, ist viel mehr als Paragrafenreiterei. Es ist auch, wenn man hier mal ein bisschen dröhnen darf, ein Dokument des Angekommenseins, des Versöhntseins mit der Gesellschaft, die man früher oft als feindlich erlebte. Bei Joschka Fischer hieß es noch: "Außen Minister, Innen Grün". Heute sind Grüne Minister mit ganzem Herzen – und Habeck ist dafür das Paradebeispiel. Es ist ein Emanzipationsschritt, der dem Frauenquorum in nichts nachsteht.

Die Stunde der Frauen schlug am Samstagvormittag, vor allem die von einer Frau: Die Brandenburger Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock, angetan mit Lederjacke und siegesgewissem Lächeln, hatte sich verbeten, "die Frau an Robert Habecks Seite zu sein". 

Piel war chancenlos

Mit Elan, Humor und aufgekratzt vor Tatendrang war sie durch ihre Themen gestürmt: Kohlebergbau, Familiennachzug für Flüchtlinge, Kampf gegen stille Armut. Auch sie eine Vertreterin des Realoflügels, doch kein Satz in ihrer Rede, den Linke nicht unterschreiben könnten. Sie gilt als eine der "Zentristen", jener Realos bei den Grünen, die es Linken nicht allzu schwer machen, anzuerkennen, was sich einfach nicht mehr verleugnen lässt: Dass die Grünen jenseits der CDU keine Machtoption haben. Alle wissen das.

Ihrer Konkurrentin Anja Piel, der niedersächsischen Faktionschefin, blieb nur noch, mit wegen einer Erkältung versagender Stimme irgendwie die Hoffnung zu formulieren, die Grünen könnten die SPD irgendwann ersetzen. Das Soziale zu sein, in welchem Bündnis auch immer. Piel war chancenlos.

Baerbock, die sehr charmant eher konventionelle grüne Ansichten äußerte, bekam überwältigende 504 Stimmen, 64 Prozent. Die Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, wird sich das sehr genau angesehen haben. Hier erwächst ihr eine ernstzunehmende Konkurrentin um die nächste Spitzenkandidatur.

Keine Taktik

Seinen Charme musste Robert Habeck niemandem beweisen. "Vielleicht hab' ich Glück, und darf der Mann an deiner Seite sein", sagte er zu Beginn seiner Bewerbungsrede zu Annalena Baerbock gewandt. Habecks Weltbild ist eindeutig ein anderes als das von Özdemir: mehr Kapitalismusskepsis, mehr Denkanstöße vom Schriftsteller Didier Eribon, mehr Krisentheorien vom Soziologen Wolfgang Streeck – Habeck liest und grübelt, warnt vor der Ökonomisierung des ganzen Lebens, fordert Würde, auch für diejenigen, die auf dem Parteitag der Grünen die Klos saubermachen. Und er erinnert daran, dass man als Bewegungspartei angefangen hat. Auch das Wort Grundeinkommen fällt. Er sagt aber auch: "Armut zu verteidigen, indem man ihr linke Politik aus dem letzten Jahrhundert vorsetzt, ist keine linke Politik."

Was genau Habeck den Delegierten sagen wollte – darüber wurde anschließend auf den Fluren höflich scherzend gerätselt. Aber was soll's. Es fühlte sich gut an. Die Grünen haben jetzt Glamour.

Habeck hatte den linken Flügel bereits seit längerem umworben: Er hatte sich auf dem Grünen Länderrat bei Jürgen Trittin entschuldigt, von der Überflüssigkeit der Flügel gesprochen und von der Rolle als linkes Korrektiv, das die Grünen in einer Jamaika-Regierung zu sein hätten. Der linke Flügel nimmt Habeck ab, dass das nicht reine Taktik ist. Dass er meint, was er sagt. Es hat irgendwas mit Liebe zu tun.