Die SPD streitet. Heftigst. Große Koalition: ja oder nein. Der Riss geht mitten durch die Ortsvereine, Kreis- und Landesvorstände und -verbände. Er beschäftigt das ganze Land.

Denn die Frage, wie und von wem das Land regiert werden soll, welche die SPD wieder einmal so quält, bewegt ja nicht nur Politiker und Journalisten, sondern viele Bürger, die am 24. September ihre Stimme abgegeben haben. Und die seitdem zusehen müssen, wie die verantwortlichen Parteien mehr ihre Differenzen herausstellen, als nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Erst in den langen, ätzenden Jamaika-Verhandlungen. Dann vor, während und auch jetzt nach den Sondierungsgesprächen mit der Union.

Und die Entscheidung ist ja wahrlich nicht leicht. Weder für die 450.000 Sozialdemokraten, die sie womöglich am Ende in einem Basisentscheid treffen müssen, falls die SPD-Delegierten auf ihrem Parteitag an diesem Sonntag Ja sagen zu einer dritten, nur noch mittelgroßen Koalition, deren Mehrheit und Basis seit der ersten Auflage 2005 immer schmaler geworden ist. Noch ist die Entscheidung leicht für die übrigen Bürger, die einstweilen nur zuschauen können.

Erfolgreich regiert

CDU/CSU und SPD haben ohne Zweifel zweimal ordentlich bis gut miteinander regiert. Jedenfalls weit besser als die schwarz-gelbe Koalition dazwischen. Sie haben das Land sicher durch die Finanz- und Eurokrise geführt und verhindert, dass aus dem Zusammenbruch von Banken eine schwere Wirtschaftskrise wie in den 1930er-Jahren wurde. Sie haben auch die Flüchtlingskrise, zu der die Kanzlerin das Ihrige beigetragen hat, alles in allem gut bewältigt. Sie haben den Mindestlohn eingeführt, als verspätete Korrektur der rot-grünen Sozialreformen. Und einiges mehr. Sie haben daneben ihre jeweilige Klientel bedient, mit der Mütterrente der CDU, der Rente mit 63 der SPD und der Pkw-Maut für Ausländer der CSU. Unterm Strich kann sich das sehen lassen.

Aber die Gemeinsamkeiten haben sich erschöpft. Wie nach zweimal vier Jahren kaum anders zu erwarten. Das sieht man auch ihrem Sondierungspapier an, das anders als der Koalitionsvertrag von 2013 keine Highlights enthält, die damals die SPD-Mitglieder bewegten, mit großer Mehrheit zuzustimmen. Mehr politisches Schwarzbrot, aber mit wichtigen vereinbarten Weichenstellungen für Europa, die Einwanderungsfrage und die digitalisierte Arbeitswelt von morgen.

Kampf für die Werktätigen

Doch es ist nicht so sehr das 28-seitige Kompromisspapier, das die SPD und die Bürger entzweit. Es ist vor allem die Frage, ob es gut für die drei beteiligten Parteien und das Land ist, wenn sie trotz ihrer starken Verluste vom 24. September weiter miteinander regieren. Unabhängig zunächst davon, was die Alternative wäre. Und ob es nach einer Neuwahl noch eine gäbe.

Die Union treibt das kaum um. CDU und CSU sind Machtparteien. Inhalte sind ihnen nicht so wichtig. Hauptsache, sie stellen den Kanzler oder seit 2005 die Kanzlerin.

Die SPD dagegen kämpfte von ihrer Gründung vor über 150 Jahren an lange gegen die Mächtigen, für die Interessen der Werktätigen. Sie tut das in Teilen bis heute. Meist war sie in der Opposition, außer in der Weimarer Republik. Von 1969 bis 1982 regierte sie in ihrer besten, erfolgreichsten Zeit mit Willy Brandt und Helmut Schmidt. Von 1998 bis 2005 mit Gerhard Schröder. Und seitdem mit vierjähriger Unterbrechung unter Merkel.