Einen Onlineantrag ausfüllen, fünf Euro bezahlen und dann die Zukunft Deutschlands mitbestimmen? Das scheint eine Idee zu sein, für die sich derzeit viele Menschen erwärmen können. Seit der SPD-Parteitag sich am Sonntag für Verhandlungen über eine große Koalition ausgesprochen hat, erlebt die SPD jedenfalls einen ungeahnten Zulauf. Allein in Bayern registrierte die SPD in den vergangenen Tagen 218 Onlineeintritte, in Berlin waren es 170, Nordrhein-Westfalen verzeichnete gar 1.200. Dazu kommen noch Anträge in Papierform.

Der plötzliche Zulauf dürfte vor allem mit dem Aufruf der SPD-Jugendorganisation Jusos zusammenhängen. Sie wirbt mit dem Slogan "Tritt ein, sag Nein" dafür, der SPD beizutreten, um gegen eine Neuauflage der großen Koalition zu stimmen.

Beim Parteitag hatte Juso-Chef Kevin Kühnert noch einmal lautstark gefordert: "Macht euch auf! Kommt in diese Partei! Macht sie zu eurer Partei. Die Veränderung, die wir sein wollen, müssen wir selber durchsetzen." Die Jusos in Nordrhein-Westfalen setzten mit dem Spruch "Ein Zehner gegen die Groko" dann noch einen drauf. Zehn Euro – das ist der Mindestmitgliedsbeitrag für zwei Monate. Indirekt warben sie also dafür, dass man auch nur kurzfristig in die Partei eintreten könne, Hauptsache man stimme bei der Mitgliederbefragung, die nach den Koalitionsverhandlungen durchgeführt werden soll, gegen ein Bündnis mit der Union.

"Erneuerung braucht Zeit"

Davon hat sich Juso-Chef Kühnert mittlerweile distanziert. Er halte nichts von Neumitgliedern, die nur in die SPD eintreten würden, um beim Mitgliederentscheid eine große Koalition verhindern zu können, sagte er der Rheinischen Post. "Wir wollen Neumitglieder werben, die aus Überzeugung in die SPD eintreten, weil sie unsere Grundwerte teilen." Die Jusos würden um langfristiges Engagement werben, "weil die Erneuerung der SPD Zeit brauchen wird und mit der Ablehnung der großen Koalition keineswegs erledigt wäre".

Im Berliner Willy-Brandt-Haus wiederum versucht man, dem Eindruck entgegenzutreten, man begegne den Neumitgliedern mit Misstrauen. Schließlich will die SPD eine Mitmachpartei sein. Jeder Neueintritt sei willkommen, heißt es dort. Außerdem gehe man davon aus, dass die meisten Leute nicht nur wegen der Wahl eintreten würden.

Wer darf abstimmen?

Grundsätzlich ist der Eintritt in die SPD eine unkomplizierte Angelegenheit. Man muss nur einen Onlineantrag ausfüllen und den Monatsbeitrag von fünf Euro überweisen. Doch bis man tatsächlich Mitglied ist, kann es dann noch einige Wochen dauern. Denn jeder Antrag muss vom zuständigen Ortsverband angenommen werden.

Nicht nur deshalb ist unklar, ob die nun eintretenden Neumitglieder tatsächlich über die große Koalition mit entscheiden dürfen. Der SPD-Parteivorstand will am kommenden Montag auch über den Stichtag entscheiden, bis zu dem man Mitglied geworden sein muss, um an dem Mitgliederentscheid über die große Koalition teilzunehmen. 

Zwar enthält die Satzung der SPD keine Fristenregelung, die Neulingen die Teilnahme an Abstimmungen für eine bestimmte Zeit untersagen würde. Trotzdem ist ein Stichtag schon aus logistischen Gründen notwendig. Schließlich müssen die Abstimmungsunterlagen gedruckt und verschickt werden. Interessierte, die erst unmittelbar vor dem Entscheid eintreten, werden also nicht berücksichtigt werden können.

Auch Ältere treten ein

Völlig unabsehbar ist bislang auch, wie viele der Neumitglieder überhaupt die Absicht haben, gegen die große Koalition zu stimmen. Die eingegangenen Onlineanträge stammen jedenfalls nicht nur von Jusos: Nach ersten Einschätzungen des bayerischen Landesverbands traten sowohl junge als auch alte Menschen in die Partei ein. Die SPD-Verbände in Berlin und NRW bestätigen ebenfalls Anmeldungen aus allen Altersgruppen.

Der Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer hält die politischen Einflussmöglichkeiten ohnehin für begrenzt: "Die Zahl der Neumitglieder wird die Mehrheitsverhältnisse in Bezug auf die große Koalition nicht dramatisch beeinflussen. Sie machen lediglich einen geringen Teil der Gesamtstimmen aus, der bei einer großen Partei wie der SPD aber nicht ausschlaggebend sein wird", sagt er.

Er vermutet zudem, dass es bald wieder weniger Neueintritte werden: "Diejenigen, die nur für die Wahl eintreten, hätten das schon längst in den ersten paar Tagen gemacht. Ich glaube nicht, dass das jetzt so bis zum Mitgliedervotum weitergeht."