Noch ist nichts entschieden, auch nicht nach dem Ja des SPD-Parteitages zu Koalitionsverhandlungen. Ob es zu einer großen Koalition kommt, hängt von den Verhandlungen mit der Union ab und dem anschließenden Votum der SPD-Mitglieder. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik war die Tragweite eines Mitgliederentscheids so groß. Auf dem Parteitag war unter den Delegierten zu hören, dass es eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera sei. Was macht die Entscheidung für die rund 440.000 SPD-Mitglieder so schwierig?

Erstens müssen sie abwägen, wie viel Sozialdemokratie in der Koalitionsvereinbarung steckt, die ihre Spitzen mit der Union verhandeln werden. Dass vielen das bisher Verabredete nicht ausreicht, hat auch der Parteitag in Bonn veranschaulicht. Beispielsweise hat der größte Landesverband der Partei, der aus Nordrhein-Westfalen, die Latte hoch gelegt: Er fordert, die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverhältnissen abzuschaffen, die Honorarordnungen für gesetzlich und privat Krankenversicherte anzugleichen und eine substanzielle Härtefallregelung beim Familiennachzug von Flüchtlingen einzuführen.

Erzielt die SPD in den Koalitionsverhandlungen in einem oder mehreren Punkten Erfolge, fehlen zwar immer noch die ganz großen Anliegen wie die Bürgerversicherung oder die Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Erkennbarer wäre aber ein sozialdemokratisches Profil. Es ginge um konkrete Verbesserungen für die, denen sich die SPD verpflichtet fühlen sollte: Angestellte mit kleinen und mittleren Einkommen, (zukünftige) Rentner mit knappem Budget, Auszubildende, Studierende, Solo-Selbstständige. Diejenigen, die im Wahlkampf gern als wahre Leistungsträger umworben werden.

Es geht um die Existenz der Partei

Zweitens – und das ist vielleicht der schwierigste Punkt – müssen die SPD-Mitglieder eine strategische Entscheidung treffen. Was tut der Partei perspektivisch gut? Konkreter: Wie kann sie wieder so stark werden, dass sie den Kanzler oder die Kanzlerin stellt? Antworten auf diese Fragen zu suchen macht mehr Sinn als auf die, ob ein weiterer Absturz eher in einer großen Koalition oder in der Opposition verhindert werden kann. Die letztere Frage konzentriert sich ängstlich auf das nächste Wahlergebnis.

Doch längst geht es um mehr. Es geht um die Existenz der Partei. Es geht um die Frage, ob die SPD eine relevante politische Kraft in Deutschland bleibt oder wie etwa ihre Pendants in den Niederlanden und Frankreich verzwergt.

Koalitionsverhandlungen - »Ich glaube, die SPD-Basis wird gegen die große Koalition stimmen« Nach dem Parteitag ist vor den Koalitionsverhandlungen. Zwei ZEIT-ONLINE-Redakteure diskutieren im Video, wie es für die SPD, Martin Schulz und Deutschland weitergeht. © Foto: Ana-Marija Bilandzija für ZEIT ONLINE

Die SPD kann bei künftigen Wahlen nur dann überzeugen, wenn sie einen Plan hat für die Zukunft. Wenn sie sich als linke Volkspartei neu erfindet. Wenn sie das ursozialdemokratische Versprechen in die digitalisierte Arbeitswelt übersetzt, dass gesellschaftlicher Aufstieg unabhängig von der Herkunft möglich ist. Wenn sie eine Idee von Europa konkretisiert, das solidarisch ist und den Wohlstand und die Sicherheit seiner Bürger mehrt. Wenn sie mehr Sozialdemokratie wagt.

Die SPD hat sich 1959 mit dem Godesberger Programm – übrigens auch auf einem Sonderparteitag – als linke Volkspartei grundlegend neu positioniert. Sie verabschiedete sich damals von der Identität einer sozialistischen Arbeiterpartei. Links und Volkspartei gehörten seitdem zusammen, bildeten den sozialdemokratischen Kompass bis in die 1990er-Jahre. Mit der Agenda 2010 des bislang letzten Kanzlers mit SPD-Parteibuch, Gerhard Schröder, schlich sich erst das Linke aus, verlor die SPD mehr und mehr den Kontakt zu den abgehängten Milieus. Jetzt ist ihr Charakter als Volkspartei massiv gefährdet.