Der Parkplatz ist schon voll, ihr Auto muss Sigrid Metz-Göckel auf einem schmalen, abschüssigen Waldweg abstellen. Auf den 200 Metern bis zur Gaststätte Freischütz muss sich die 77-Jährige immer wieder abstützen, der Boden ist gefroren. Metz-Göckel ist auf dem Weg zum politischen Aschermittwoch der SPD im westfälischen Schwerte, um ihre designierte Parteivorsitzende zu hören. "Das dürfte ein spannender Abend werden", sagt die pensionierte Professorin der Sozialwissenschaften an der Uni Dortmund. "Hier bei uns im Ruhrgebiet ist die Basis widerspenstig und urdemokratisch, hier hat die SPD eine Geschichte", sagt sie. "Und diese Geschichte ist mächtig. Heute muss sie in die Höhle des Löwen."

Höflicher Applaus, keine Buhrufe

Andrea Nahles, dunkelblauer Hosenanzug und rote Bluse, steht am Eingang des großen Saales und wartet auf ihren Auftritt. Als der Moderator ihren Namen nennt, schreitet Nahles umringt von Bodyguards die vollbesetzten Bierbänke ab in Richtung Bühne. Eine Big Band spielt When the saints go marching in, einige Gäste filmen das Defilee mit ihren Handys. Wie eine Heilige empfangen sie die Genossinnen und Genossen allerdings nicht gerade. Es gibt höflichen Applaus und immerhin keine Buhrufe, wie eines der Mitglieder spöttisch feststellt. Beim Trompetensolo setzt sich Nahles an ihren Tisch in der ersten Reihe, zwischen den NRW-Parteivorsitzenden Michael Groschek und den Landtagsfraktionschef Norbert Römer. Nahles wirkt entschlossen und gut gelaunt. Heute, das kann man ihr anmerken, will sie die 650 Genossen im Saal überzeugen von der großen Koalition – und von sich selbst.

Schon seit 26 Jahren findet im Freischützin Schwerte, nur einen Steinwurf von Dortmund entfernt, der politische Aschermittwoch statt. In den vergangenen beiden Jahren war Martin Schulz zu Gast, nun also seine Beinahe-Nachfolgerin. Die Gaststätte an der Bundesstraße 236 ist ein geschichtsträchtiger Ort für die SPD. Hier wurde 1946, nur ein Jahr nach Kriegsende, der Regionalverband Westliches Westfalen gegründet. Um die Ecke fuhren jahrzehntelang die Kumpel in die Gruben ein, hier rauchten die Schlote des mächtigen Stahlkonzerns Hoesch, für den zu Spitzenzeiten knapp 50.000 Menschen arbeiteten. Bis ein radikaler Strukturwandel den Pott ins Armenhaus der Republik verwandelte. Herzkammer der Sozialdemokratie wird die Gegend noch immer genannt. Vom Pott aus, so glauben viele Genossinnen hier, wird das Herzblut in die Adern der Partei gepumpt.

Doch die Pumpe schwächelt, das ist auch an diesem Abend in Schwerte spürbar. "Die Ergebnisse der SPD bei der Landtagswahl und danach bei der Bundestagswahl waren schlimm für uns", sagt Egon Pomaska, der mit einer Sonderfahrt im Linienbus mit dem Unterbezirk Gelsenkirchen angereist ist. "Ich bin nur aus einem Grund für die große Koalition: Wenn wir es nicht tun, habe ich Sorge, dass meine Partei bei Neuwahlen absäuft."

"Als keiner konnte und keiner wollte"

Bevor Nahles die Bühne betritt, soll Groschek die Basis in Stimmung bringen. "In Schwerte zu sprechen, ist der wahre Traum eines Funktionärs der SPD in Nordrhein-Westfalen", ruft er ins Mikrofon. Es gibt ein paar warme Worte für Martin Schulz, dem großer Dank gebühre, weil er zur Stelle war, als keiner konnte und keiner wollte. Dabei waren es maßgeblich Groschek und der NRW-Landesverband, die Schulz den Posten des Außenministers verweigerten. Groschek lästert über die Millionäre, die anständig besteuert und "zurück ins Glied" gesetzt werden müssten. Er spottet über den ungarischen Staatschef Viktor Orbán und die Rechten in Europa und teilt auch gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan aus. "Freiheit für Deniz Yücel gehört in jeden Reiseprospekt für die Türkei", poltert Groschek in Anspielung auf den inhaftierten Journalisten. Applaus brandet auf. 

Und er lobt Andrea Nahles, die in der "Nacht der langen Messer" Seehofer und Co zu "Quietscheentchen" gemacht habe. Auch einen "Schwur von Schwerte" hat er parat: Nie mehr in den kommenden 30 Jahren dürfe es das extreme Pendeln der SPD zwischen Hosianna und Kreuzigung geben. Die SPD gehöre wieder ganz nach vorne. "Platz zwei ist der erste Platz der Verlierer."

"Gut verhandelt, schlecht verkauft"

Groschek hat den Ton getroffen, seine Worte kommen gut an, aber echte Euphorie will nicht aufkommen. Wie viele im Saal gibt sich Annette Wolter unbeeindruckt von den Reden an diesem Abend. "Wir haben nicht vergessen, wie die Parteispitze mit Martin Schulz umgegangen ist. Das war mies", sagt die 75-Jährige, die dem Ex-Parteivorsitzenden keine Schuld am Personaldesaster der vergangenen Tage geben will. "Er wurde falsch beraten."

Auch für ihre Entscheidung über Groko oder Nogroko sei der Schwerter Aschermittwoch unerheblich. Sie habe sich bereits vor etwa zwei Wochen ihre Meinung gebildet. Da seien zwei Bundestagsabgeordnete aus den Wahlkreisen zu einer Sitzung des Unterbezirks Dortmund gekommen und hätten ihre Positionen erklärt. Der eine war für das Bündnis mit der Union, der andere dagegen. "Vorher war ich auch dagegen, seit der Diskussionsrunde aber bin ich für eine Regierungsbeteiligung. Zumindest zu 80 Prozent", sagt die 75-Jährige. "Sie haben gut verhandelt in Berlin, es aber schlecht verkauft." Nahles finde sie super. "Das ist eine, die kämpft. So eine brauchen wir jetzt."

Kurz vor 19 Uhr stellt sich die nun bald mächtigste Frau der SPD ans Rednerpult. Auch sie findet lobende Worte für Martin Schulz, dessen Erbe von Europa sie mit aller Macht zu verteidigen gedenke. Ihre strapazierte Stimme bricht immer wieder, ab und an quietscht sie sogar. Mit geballten Fäusten und wilden Gesten arbeitet sie sich an den sozialdemokratischen Errungenschaften des neuen Koalitionsvertrags entlang: Stabilisierung des Rentenniveaus, die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen, die man zwar nicht abschaffen, aber immerhin eindämmen konnte, die Rückkehr von Müttern von Teilzeit in Vollzeit, Maßnahmen gegen Luxussanierungen, Förderung des sozialen Wohnungsbaus, die Extrabezahlung der Pflege in Krankenhäusern und die Parität bei den Krankenkassenbeiträgen.

"Ohne die SPD wäre das nicht möglich gewesen. Den anderen wäre das scheißegal gewesen." Für die SPD wolle sie den Neuanfang, personell, organisatorisch und inhaltlich. Deshalb werde sie als Parteivorsitzende auch nicht Teil der Regierung sein. Dass sie noch gewählt werden muss und es inzwischen sogar mehrere Gegenkandidaten gibt, erwähnt Nahles auf der Bühne nicht. Am Ende gibt es Applaus, einige Genossen stehen sogar auf.   

Auch Silvan Theiss klopft anerkennend auf den Tisch. Während der gesamten Nahles-Rede hielt er sich ein mit Kugelschreiber gemaltes Nogroko-Schild vor seine Brust. "Es ist ein Beifall aus Höflichkeit. Andrea kann eine unterhaltsame Rednerin sein, sie ist auch eine emsige Arbeiterin. Sie hat ja auch das Ruder auf dem Parteitag rumgerissen", sagt der 24 Jahre alte Student der Politikwissenschaften, der mit seinem Vater gekommen ist. "Dennoch ist der Koalitionsvertrag aus meiner Sicht nicht gelungen. Manches davon stand auch schon im letzten Vertrag und wurde nicht umgesetzt, weil Merkel blockiert hat. Mir fehlt das Vertrauen, dass es diesmal anders sein wird." Außerdem müsse sich die SPD dringend runderneuern. "Wir müssen für die Wähler wieder unterscheidbar werden. Wir sind die Partei, die das Leben der Menschen verbessern will. Das müssen wir klarmachen."

Ein Genosse für die Obergrenze

Jürgen Weber hält diesen Abend in Schwerte für eine große Showveranstaltung, mit der die Parteispitzen die Mitglieder in das unheilige Bündnis mit der Union locken wollen. "Die Stimmung ist beschissen", sagt der Bankangestellte aus Gelsenkirchen. Ihm brennt ein heikles Thema auf der Seele: Flüchtlinge. "Ich zum Beispiel bin für eine Obergrenze. Auch bei uns in der Herzkammer ist irgendwann das Boot voll. So denken viele hier, aber kaum einer in der SPD traut sich das zu sagen." Doch statt sich klar zu positionieren, habe man das Thema anderen Parteien überlassen.

Wie das Votum der SPD-Mitglieder am 4. März ausgeht, will im Freischütz niemand prognostizieren. "Es wird vermutlich sehr knapp", sagt Dirk Presch, Chef des Regionalbüros Westliches Westfalen und Gastgeber des politischen Aschermittwochs. Doch was auch immer geschehen mag, die SPD werde weiter existieren: "Wir haben den Kaiser überlebt, die Nazis und die Kommunisten im Osten. Wir werden auch das überstehen."