Groschek hat den Ton getroffen, seine Worte kommen gut an, aber echte Euphorie will nicht aufkommen. Wie viele im Saal gibt sich Annette Wolter unbeeindruckt von den Reden an diesem Abend. "Wir haben nicht vergessen, wie die Parteispitze mit Martin Schulz umgegangen ist. Das war mies", sagt die 75-Jährige, die dem Ex-Parteivorsitzenden keine Schuld am Personaldesaster der vergangenen Tage geben will. "Er wurde falsch beraten."

Auch für ihre Entscheidung über Groko oder Nogroko sei der Schwerter Aschermittwoch unerheblich. Sie habe sich bereits vor etwa zwei Wochen ihre Meinung gebildet. Da seien zwei Bundestagsabgeordnete aus den Wahlkreisen zu einer Sitzung des Unterbezirks Dortmund gekommen und hätten ihre Positionen erklärt. Der eine war für das Bündnis mit der Union, der andere dagegen. "Vorher war ich auch dagegen, seit der Diskussionsrunde aber bin ich für eine Regierungsbeteiligung. Zumindest zu 80 Prozent", sagt die 75-Jährige. "Sie haben gut verhandelt in Berlin, es aber schlecht verkauft." Nahles finde sie super. "Das ist eine, die kämpft. So eine brauchen wir jetzt."

Kurz vor 19 Uhr stellt sich die nun bald mächtigste Frau der SPD ans Rednerpult. Auch sie findet lobende Worte für Martin Schulz, dessen Erbe von Europa sie mit aller Macht zu verteidigen gedenke. Ihre strapazierte Stimme bricht immer wieder, ab und an quietscht sie sogar. Mit geballten Fäusten und wilden Gesten arbeitet sie sich an den sozialdemokratischen Errungenschaften des neuen Koalitionsvertrags entlang: Stabilisierung des Rentenniveaus, die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen, die man zwar nicht abschaffen, aber immerhin eindämmen konnte, die Rückkehr von Müttern von Teilzeit in Vollzeit, Maßnahmen gegen Luxussanierungen, Förderung des sozialen Wohnungsbaus, die Extrabezahlung der Pflege in Krankenhäusern und die Parität bei den Krankenkassenbeiträgen.

"Ohne die SPD wäre das nicht möglich gewesen. Den anderen wäre das scheißegal gewesen." Für die SPD wolle sie den Neuanfang, personell, organisatorisch und inhaltlich. Deshalb werde sie als Parteivorsitzende auch nicht Teil der Regierung sein. Dass sie noch gewählt werden muss und es inzwischen sogar mehrere Gegenkandidaten gibt, erwähnt Nahles auf der Bühne nicht. Am Ende gibt es Applaus, einige Genossen stehen sogar auf.   

Auch Silvan Theiss klopft anerkennend auf den Tisch. Während der gesamten Nahles-Rede hielt er sich ein mit Kugelschreiber gemaltes Nogroko-Schild vor seine Brust. "Es ist ein Beifall aus Höflichkeit. Andrea kann eine unterhaltsame Rednerin sein, sie ist auch eine emsige Arbeiterin. Sie hat ja auch das Ruder auf dem Parteitag rumgerissen", sagt der 24 Jahre alte Student der Politikwissenschaften, der mit seinem Vater gekommen ist. "Dennoch ist der Koalitionsvertrag aus meiner Sicht nicht gelungen. Manches davon stand auch schon im letzten Vertrag und wurde nicht umgesetzt, weil Merkel blockiert hat. Mir fehlt das Vertrauen, dass es diesmal anders sein wird." Außerdem müsse sich die SPD dringend runderneuern. "Wir müssen für die Wähler wieder unterscheidbar werden. Wir sind die Partei, die das Leben der Menschen verbessern will. Das müssen wir klarmachen."

Ein Genosse für die Obergrenze

Jürgen Weber hält diesen Abend in Schwerte für eine große Showveranstaltung, mit der die Parteispitzen die Mitglieder in das unheilige Bündnis mit der Union locken wollen. "Die Stimmung ist beschissen", sagt der Bankangestellte aus Gelsenkirchen. Ihm brennt ein heikles Thema auf der Seele: Flüchtlinge. "Ich zum Beispiel bin für eine Obergrenze. Auch bei uns in der Herzkammer ist irgendwann das Boot voll. So denken viele hier, aber kaum einer in der SPD traut sich das zu sagen." Doch statt sich klar zu positionieren, habe man das Thema anderen Parteien überlassen.

Wie das Votum der SPD-Mitglieder am 4. März ausgeht, will im Freischütz niemand prognostizieren. "Es wird vermutlich sehr knapp", sagt Dirk Presch, Chef des Regionalbüros Westliches Westfalen und Gastgeber des politischen Aschermittwochs. Doch was auch immer geschehen mag, die SPD werde weiter existieren: "Wir haben den Kaiser überlebt, die Nazis und die Kommunisten im Osten. Wir werden auch das überstehen."