Sie ist eine Frau. Sie gilt als noch jung (unter 50). Sie kommt aus einer der konservativsten Ecken des wichtigen Landesverbandes Nordrhein-Westfalen. Anja Karliczek ist als neue Bundesbildungs- und Forschungsministerin die perfekte Besetzung für die Kanzlerin und ihre Partei. Außerhalb dieses Teilspektrums der Politik schwanken die Reaktionen auf die Nominierung der 46-jähigen Unionspolitikerin aus Ibbenbüren je nach Grad der Betroffenheit zwischen beredter Sprachlosigkeit und stiller Befremdung.

Wer ist diese Frau? Welche Qualifikationen bringt sie für ihr Amt mit? Warum wird ausgerechnet das Wissenschaftsressort so offensichtlich nach Proporz (Geschlecht-Alter-Region-Parteiflügel) vergeben? Auch nach längerem Nachdenken fallen einem keine leichten Antworten ein.

Fest steht: Angela Merkel hat mit dieser Personalie alle überrascht. Nicht nur in der Bildungs- und Wissenschaftsszene ist Anja Karliczek völlig unbekannt. Auch professionelle Beobachter der Union in Berlin mussten ihren Namen erst einmal googeln. Seit 2013 sitzt sie als Abgeordnete im Bundestag, dort hat sie sich in erster Linie mit Finanzthemen befasst, Spezialgebiet Reform der betrieblichen Altersvorsorge. Zu ihrem zukünftigen Ressort kann sie bisher nur mit ein paar biografischen Berührungspunkten aufwarten: eine Ausbildung zur Bank- und zur Hotelfachfrau, ein BWL-Studium an der Fernuniversität Hagen und drei Kinder.

Bildung ist zentraler Programmpunkt

Alle drei Punkte werden nun von der Kanzlerin und von Unionsvertretern hervorgehoben. Angela Merkel ließ den Satz folgen: "Ich denke, sie wird auch ein großes Herz für die Wissenschaft haben." Das klingt weder überzeugend noch selbst überzeugt. Man würde auch keine Ernennung zum Verkehrsminister damit begründen, der Designierte habe einen Führerschein und pendele jeden Tag von zu Hause zur Arbeit. In ihrem politischen Alltag jedenfalls hatte Anja Karliczek zu Forschung und Wissenschaft keinen Kontakt. Es gibt nicht sehr viele Wahlkreise ohne Universität beziehungsweise Fachhochschule in Deutschland, ihrer (Steinfurt III) gehört dazu. Wer das feststellt, ist nicht arrogant. Der Titel einer Diplomkauffrau ist kein Makel, aber auch keine besondere Auszeichnung. 

Nicht nur angesichts ihrer drei Vorgängerinnen Bulmahn, Schavan und Wanka – eine langjährige Vorsitzende des einschlägigen Bundestagsausschusses, eine Landesbildungsministerin, eine Wissenschaftsministerin und Hochschulpräsidentin – fällt diese Personalie also auf, beziehungsweise ab. Auch die großen Ambitionen der großen Koalition auf dem Feld von Bildung und Wissenschaft hatten jemanden aus der ersten Reihe der Politik für dieses Amt erwarten lassen. Zehn Seiten füllt die Liste der Versprechungen, die wichtigsten Ausgabenposten dürften die Ganztagsgarantie für Grundschüler, die Ausweitung der Zahl der Bafög-Empfänger, ein milliardenschwerer Pakt zur Digitalisierung der Schulen sein sowie ein Bundesprogramm für Brennpunktschulen.

Es gibt nicht viele Felder, auf denen sich die Koalition so viel vorgenommen hat. Die gerade gewählte CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer hat vor ein paar Tagen gesagt, auch das Bildungsministerium hätte sie gereizt. Das zeigt die – potenzielle – Bedeutung des Ressorts.

Ist die Neuerfindung des Ressorts nun hinfällig und alle Pläne Makulatur? Ist die designierte Ministerin wegen fehlender Kompetenz und mangelndem wissenschaftlichen Stallgeruch schon jetzt gescheitert? Natürlich nicht.

Kompetenz hat sie bereits erwiesen

Zum einen besteht ein Ressort nicht nur aus einer Ministerin, sondern auch aus einem Ministerium mit fähigen Fachbeamten und erfahrenen Experten – allen voran die Staatssekretäre. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat gleich mehrere von ihnen. Anja Karliczek wird wissen, dass sie diese Expertise im Haus halten beziehungsweise sich neue dazuholen muss.

Zum anderen hat die Ministerin selbst ja noch gar nicht angefangen. Sie ist zwar Neuling, sie kann sich aber – so wie es andere auch getan haben – mit viel Fleiß, Organisationstalent und Lernbereitschaft in ihr Amt einarbeiten. Alles drei hat sie bewiesen. Im Leben wie in der Politik. Sonst hätte sie das berufsbegleitende Studium nicht neben Job und Familie durchgezogen. Sonst wäre ihr nicht schon in der ersten Legislaturperiode der Posten der Parlamentarischen Geschäftsführerin der CDU/CSU-Fraktion übertragen worden (insgesamt gibt es fünf). In dem Amt muss man sich einigermaßen fachkundig mit vielen Themen gleichzeitig befassen und braucht Fingerspitzengefühl wie Selbstbewusstsein.

Ihr Problem werden die Länder

Gerade Letzteres wird sie brauchen. Denn die große Koalition will nicht nur mehr Geld ausgeben, sie hat sich auch vorgenommen, die zementierten Zuständigkeiten bei Bildung und Wissenschaft aufzubrechen. In Zukunft, so der Plan, will sich der Bund wesentlich stärker in den Hochschulen wie auch in den Schulen engagieren. Indem er etwa Studienplätze auf Dauer bezahlt und Forschungszentren an den Universitäten übernimmt, indem er für alle Grundschuleltern einen Ganztagsplatz garantiert und in einem Bildungsrat die großen Linien der Schulpolitik mitzeichnet.

Jede einzelne Reform birgt Konfliktpotenzial mit den Ländern. Denn sie möchten am liebsten, dass ihnen der Bund das Geld rüberschiebt und sie sonst in Ruhe lässt. Genau das jedoch kann die Bundesbildungsministerin nicht erlauben. Denn wenn die CDU an ihren Ministerinnen Schavan und Wanka etwas auszusetzen hatte, dann dies: dass beide zu blass blieben, also niemand merkte, was sie alles Schönes mit dem vielen zusätzlichen Bildungs- und Wissenschaftsgeld gemacht hatten.

Probleme nennt man, wenn man jemandem wohlgesonnen ist, auch gern Herausforderungen. Insofern hat Angela Merkel mit der Nominierung von Anja Karliczek – innerparteilich –  eine Herausforderung gemeistert, gleichzeitig einige neue geschaffen: die größte für die Kandidatin selbst.