Der Parteitag der CDU dauert an diesem Montag bereits über fünf Stunden, als endlich eine zierliche Frau im weißen Jackett ans Rednerpult tritt. Die Delegierten haben zu diesem Zeitpunkt schon einiges über sich ergehen lassen: eine ökumenische Andacht, eine längere Rede von Parteichefin Angela Merkel und schließlich die mehrstündige Aussprache über den mit der SPD ausgehandelten Koalitionsvertrag. Eine gewisse Grundmüdigkeit liegt über der Halle.

Es ist für die bisherige saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer also kein ganz einfacher Zeitpunkt, den ihr die Parteitagsregie zugewiesen hat, um die Delegierten davon zu überzeugen, dass sie die richtige Frau für das Amt der Generalsekretärin ist.

Doch Kramp-Karrenbauer braucht nur wenige Minuten, um die Delegierten wieder aufzuwecken. Die Menschen wollten keine Politiker, die sich vor der Verantwortung wegduckten, sagt Kramp-Karrenbauer. Sondern solche, die ihnen sagten: "Ich kann. Ich will. Und ich werde", ruft sie und untermalt jeden Satz mit einem heftigen Faustschlag in die Luft. Da wird zum ersten Mal laut gejubelt. Es geht eine Art Aufatmen durch die knapp 1.000 Parteitagsdelegierten.

Lob für die stillen Helden

Kramp-Karrenbauer streichelt die Seele der Partei. Sie würdigt diejenigen, die morgens vor Werkshallen Flugblätter verteilten oder vor Ort die Kritik für manchmal unbequeme Regierungsentscheidungen eingesteckten, als "stille Helden".  Sie bekennt sich zu einer "wertebasierten, starken Volkspartei" und sie erinnert an die drei Wurzeln der CDU, die konservative, die christlich-soziale und die liberale. Alle drei werde die CDU gleichermaßen bespielen, verspricht sie. Grundlage sei und bleibe aber das christliche Menschenbild.

So ähnlich hatte Merkel das zuvor auch schon gesagt, doch bei Kramp-Karrenbauer kommt es irgendwie besser an. Und sie verspricht ihrer Partei, ihr nicht nur zuzuhören, sondern sie – ganz im Sinne ihres großen Vorgängers Heiner Geißler – wieder zu einem Ort zu machen, an dem die wichtigen gesellschaftlichen Debatten geführt werden. Sie selbst sei doch auch nicht in die CDU eingetreten, um ihrem Landesvorsitzenden zuzujubeln, sondern um ihm Feuer unter dem Hintern zu machen, ruft Kramp-Karrenbauer. Da hat sie die Delegierten endgültig hinter sich. Sie wählen sie schließlich mit 98,8 Prozent zu ihrer neuen Generalsekretärin.

Kramp-Karrenbauer startet also mit einem großen Vertrauensvorschuss in ihre neue Aufgabe. Doch die Erwartungen sind ebenfalls gewaltig. Einen Eindruck davon konnte sie sich während der ihrer Rede vorausgehenden und für CDU-Verhältnisse ausgiebigen und kontroversen Aussprache über den Koalitionsvertrag verschaffen.

Mehr CDU pur

Wegen des schlechten CDU-Bundestagswahlergebnisses und der Zugeständnisse, die während der Koalitionsverhandlungen mit der SPD notwendig waren, ist die CDU derzeit verunsichert wie lange nicht. Viele Delegierte äußerten ihre Hoffnung, dass Kramp-Karrenbauer der Partei wieder neues Gewicht geben wird. Sie soll klarmachen, was jenseits aller Regierungskompromisse CDU-Positionen sind. Und natürlich soll sie den Kontakt zur Basis wiederherstellen, den manche als gestört empfinden. Es müsse wieder eine Sprache gesprochen werden, die dort auch verstanden wird, fordert ein Delegierter.  

Ob Kramp-Karrenbauer das leisten kann? Bereits in den vergangenen Tagen hat sie in Interviews immer wieder ihren Eindruck geschildert, dass die CDU-Mitglieder mehrheitlich einverstanden seien mit den Neupositionierungen, die die CDU während Merkels Regentschaft bezogen habe. Sie wollten aber wissen, wie man zu diesen Positionen gekommen sei.

Kramp-Karrenbauer will also, so kann man sie verstehen, die Debatten nachholen, die in den vergangenen Jahren nicht geführt wurden, über den Ausstieg aus der Atomenergie etwa, die Abschaffung der Wehrpflicht oder auch die Einführung der Ehe für alle.