Nach Sigmar Gabriels außenpolitischem Erfolg, der Freilassung des Journalisten Deniz Yücel aus türkischer Haft, diskutiert die SPD über seine Rolle in einer möglichen großen Koalition. Einige Politiker forderten, Gabriel solle nun doch Außenminister bleiben.

So sagte die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange, die mit Bundestagsfraktionschefin Andrea Nahles um den SPD-Vorsitz konkurriert, es wäre ein großer Verlust, wenn Gabriel als Außenminister aufhören würde. "Sigmar Gabriel ist eine große Persönlichkeit für die SPD", sagte sie in Hamburg am Rande einer Basiskonferenz, bei der über den mit der Union ausgehandelten Koalitionsvertrag diskutiert wurde. "Wir brauchen solche Persönlichkeiten in der Partei." Gabriel mache als Außenminister "eine ganz hervorragende Figur". 

Auch der frühere Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, sprach sich für Gabriels Verbleib im Außenamt aus. "Dass Gabriel im symbolbehafteten Fall von Deniz Yücel so überzeugen konnte, ist ein Beleg dafür, dass er die ideale Besetzung für das Amt des Außenministers ist", sagte Robbe der Rheinischen Post vom Samstag.

Nach dem SPD-Mitgliedervotum gehöre Gabriel "zwingend auf die Kabinettsliste und sollte sein Amt behalten", forderte Robbe. Der amtierende Außenminister habe die Freilassung Yücels zur Chefsache gemacht und umgesetzt. Das sei ein weiterer Beweis für Gabriels "Höchstmaß an Professionalität und seine Gabe, selbst in scheinbar ausweglosen Situationen eine Lösung zu finden". Der frühere SPD-Chef sei einer der wenigen Generalisten der deutschen Politik.

Die designierte SPD-Chefin Andrea Nahles ließ die Zukunft von Gabriel dagegen offen. Auf die Frage, ob sie einen Verbleib im Kabinett bei Zustandekommen einer erneuten großen Koalition unterstütze, sagte Nahles in Hamburg nur: "Das war heute kein Thema hier, definitiv nicht". Ohne weitere Fragen hierzu zu beantworten, übernahm bei dem Statement der kommissarische SPD-Chef Olaf Scholz das Wort.

Nahles und Scholz haben ein angespanntes Verhältnis zu Gabriel, während dessen Zeit als SPD-Chef kam es immer wieder zu Konflikten. Die SPD-Spitze will bei einer Mehrheit beim Mitgliederentscheid über den Koalitionsvertrag erst danach die Besetzung der sechs SPD-Ministerien bekannt geben. Gabriel hatte kürzlich für großen Unmut in den eigenen Reihen gesorgt, als er der Parteiführung Wortbruch vorgeworfen hatte. 

Gabriel hatte im Januar zugunsten des glücklosen Martin Schulz auf den Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur verzichtet und wurde Außenminister. Beobachter vermuten, dass Schulz ihm damals für den Fall einer neuen großen Koalition versprochen habe, dass er das Außenamt behalten dürfe. Als Schulz dann vorübergehend – entgegen seiner Aussage nach der Wahl – ankündigte, doch in ein Merkel-Kabinett einzutreten und Außenminister werden zu wollen, gab Gabriel das umstrittene Interview. Darin zitierte er auch seine Tochter, die zu ihm gesagt habe, er müsse nicht traurig sein. "Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht." Später sagte Gabriel, er bedauere die Äußerungen. Medienberichten zufolge entschuldigte sich Gabriel bei Schulz. Laut Spiegel nahm Schulz die Entschuldigung bei einem Gespräch am Dienstag an.

Will man den beliebtesten Politiker loswerden?

Der Umgang mit Gabriel wird für die SPD zu einer schwierigen Übung: Ein Abziehen aus dem Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) könnte bei den Bürgerinnen und Bürgern als weiterer Beleg für die innere Zerstrittenheit der sozialdemokratischen Partei gesehen werden. Zudem ist Gabriel nicht nur der derzeit beliebteste SPD-Politiker, sondern auch der beliebteste deutsche Politiker überhaupt. Allerdings geht der Posten des Außenministers oft mit hohen Beliebtheitswerten einher. Als mögliche Nachfolge Gabriels gelten Justizminister Heiko Maas und Familienministerin Katharina Barley.

Gabriel war nach der Abgabe des SPD-Vorsitzes an Schulz 2017 vom Wirtschafts- in das Außenministerium gewechselt. Am Freitag flog er extra von der Münchner Sicherheitskonferenz nach Berlin, um im Newsroom der Welt, als deren Korrespondent Yücel arbeitet, die Nachricht zu verkünden. Nahles hatte ihn am selben Tag via Spiegel ermahnt, auf Werbekampagnen in eigener Sache zu verzichten

Die Diskussion um Gabriels Zukunft wird vermutlich auch durch das geprägt werden, was in den kommenden Tagen und Wochen über die Umstände von Yücels Freilassung ans Licht kommen wird. Gabriel hatte betont, es habe keine Gegenleistung für die Freilassung gegeben. "Es gibt keinen Deal, weder einen schmutzigen noch einen sauberen", sagte er. Politische Einflussnahme habe es allenfalls bei der "Verfahrensbeschleunigung" gegeben.

Die Linken-Politikerin Sevim Dağdelen bezweifelte das im Deutschlandfunk. In der Vergangenheit habe der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan stets für Entgegenkommen Gegenleistungen verlangt, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Linken-Bundestagsfraktion. Zudem sei die Türkei wirtschaftlich angeschlagen und erhoffe sich Finanzhilfen und Kredite. Auch einen möglichen Rüstungsdeal brachte sie ins Spiel. Gabriel hatte sich zweimal geheim in der Türkei mit Erdoğan getroffen. 

Am 4. März wird der Mitgliederentscheid über die große Koalition ausgezählt. Am 22. April will die SPD dann bei einem Parteitag die Entscheidung über die Nachfolge des zurückgetretenen Parteichefs Martin Schulz treffen.