Ausgerechnet Tulpen. Die Blumen stehen für Vergänglichkeit, für Frühling – und sie stehen da auf den Tischen, als ob sie mehr als Dekoration wären. Die Leute, die neben den Tulpen sitzen, vor sich Bier oder Tee oder etwas zum Mitschreiben, sind die Basis. Aber nicht die Basis, um die es in den vergangenen Wochen ständig ging – sondern die CDU-Basis, die man beinahe hätte vergessen können. Am Mittwochabend hat sie, oder zumindest ein Teil von ihr, sich im Gasthaus Zum Löwen in Ludwigsfelde nahe Berlin getroffen, um den Koalitionsvertrag zu verstehen, die letzten Monate – und irgendwie auch ihre eigene Parteispitze.

Die Zahlen zum Abend: 6.000 CDU-Mitglieder gibt es in Brandenburg, 1.000 im Bundestagswahlkreis 61, zu dem Ludwigsfelde gehört. 30 sind gekommen.

Die Stimmung: nicht schlecht, nach außen ruhig, und das ist nicht der einzige Unterschied zur SPD.

Die Fragen: groß – aber ganz anders als nach den Debatten der vergangenen Wochen erwartet. 

Nach Ludwigsfelde eingeladen hat die Spitze der Brandenburger CDU. Die hat sich vorgenommen, in allen Wahlkreisen sogenannte Regionalkonferenzen abzuhalten. Zehn Termine in vier Tagen. Eine Miniversion dessen, was die SPD gerade in Deutschland tut. Aber bei der CDU gibt es diese Koa-Erklär-Tour nur in Brandenburg.

An den vier Tischen im Löwen sitzen vor allem Männer um die 50 und älter. Frauen sind nur eine Handvoll da, unter 40-jährige Menschen noch weniger. Alle Männer tragen Anzug oder einen Pulli, unter dem ein Hemdkragen hervorschaut. Jeder der Anwesenden hört konzentriert zu, manche schreiben mit, keine Zwischenrufe, kaum Gemurmel. Nur das übliche Kopfkratzen und Kinnjucken. Sie sehen alle nicht aus wie Wahlverlierer, aber wie Gewinner eben auch nicht. Gelacht wird nur einmal, als der Redner erklärt, wieso das Auswärtige Amt an die SPD ging: "Schulz war unglaublich hartnäckig in dieser Frage. Was ihm jetzt aber auch nichts mehr nutzt."

Dieser Redner ist Michael Stübgen, seit 1990 Mitglied der CDU und genauso lange schon im Bundestag. Eine Stunde steht er am Mikro, um seiner Basis den Koalitionsvertrag in 13 Punkten zu erklären. Der Vortrag ist angenehm inhaltlich. Aus Stübgen spricht dabei aber auch durch und durch Angela Merkel. Als es um die Ressorts geht zum Beispiel: Der Verlust des Finanzministeriums sei zwar schmerzhaft, ja, dafür hätten sie so viele neue Möglichkeiten durch das Wirtschaftsministerium. Kanzlerinnensprech. 

PR-Sätze und Kanzlerinnensprech für die Basis

Aber den hat nicht nur Politiker Stübgen. Auch bei den einfachen Parteimitgliedern hört man die Sätze, die aus der Berliner Presseabteilung stammen könnten. Zum Beispiel: "Man darf nicht vergessen: Wir haben die Wahlen gewonnen." Oder: "Kein anderer hätte es besser gemacht als die CDU." Oder: "Politik ist ein Kompromiss, man kann nicht 100 Prozent seines Programms durchsetzen." Merkelscher Pragmatismus.

Einer der Pragmatiker ist Mathias Blank, 46, aus Königs Wusterhausen, seit 25 Jahren CDU-Mitglied: "Ich bin nicht so lange Parteimitglied, weil ich mit allem immer glücklich war", sagt er. Aber wer sich aus Politik heraushalte, dürfe auch nicht meckern. Aus Matthias Blank spricht auch der Wunsch, den viele hier teilen: Es muss jetzt mal losgehen, die Regierung starten. Von dem SPD-Entscheid hält hier niemand etwas. Blank auch nicht. Warum? Erstens seien sie nun einmal eine repräsentative Demokratie. Zweitens findet er: "Die SPD macht es sich zu einfach. Man kann so eine Frage nicht mit einem einfachen 'Ja' oder 'Nein' beantworten."

Wenn man Blank und den anderen im ersten Moment zuhört, wirkt es, als gäbe es zwar Probleme mit der SPD, aber in der CDU wäre nichts Besonderes los. Ist es so? Keine Probleme und Angela Merkel unangetastet wie eh und je?

Dass das nicht ganz stimmt, merkt man, als die Basis in Ludwigsfelde mit ihren Fragen an der Reihe ist. Etwa diese: Wie soll man die Leute ohne Pässe zurückführen? Wie soll Migration ohne Grenzkontrolle beschränkt werden? Woher soll das Personal für die Kontrolle kommen? Eine der wenigen Frauen steht auf, stellt sich als Bundespolizistin vor und fragt, warum gegen die Grenzkriminalität nicht Schleierfahndung eingesetzt werde?

2015 lässt die CDU nicht los

Es geht, hier im Löwen in Ludwigsfelde, nicht wirklich um den Koalitionsvertrag. Viele Fragen wären ohne Stübgens Zusammenfassung vermutlich ähnlich gestellt worden. Es geht den Menschen um die Erfahrungen in ihrem Alltag. Merkel hat viele Kritiker an der Basis. Aber nicht, weil sie einen Jens Spahn nicht zum Zug kommen lässt, Jamaika nicht funktioniert hat oder Olaf Scholz vermutlich Finanzminister wird – sondern, immer noch, wegen dem Jahr 2015 und seinen Folgen. Weil sie die Grenzen für Flüchtlinge nicht schloss.

Dass die Basis noch immer fast ausschließlich Fragen hat zur Migration und Inneren Sicherheit – das hat auch Fabian Reichelt überrascht. Auch er sitzt am Mittwochabend im Löwen, ist mit seinen 35 Jahren aber einer der Jüngeren. Was diese Fragen seiner Kollegen für ihn aber zeigen: Es geht den Leuten um Inhalte, nicht Personalien. Und er erklärt auch, warum die Kritik an der Parteispitze in der CDU leiser ist als in der SPD.

Reichelt gehört schon seit 19 Jahren der CDU an. Eingetreten ist er mit 17 Jahren, weil er genug hatte von der Brandenburger Stolpe-SPD. Mitglied ist er noch immer, weil die CDU für ihn die vernünftigste Partei ist. Die Vernunft, der Pragmatismus: Das ist es, was anscheinend die ganze Partei zusammen und trotz aller Kritik auch an Merkel hält. "Es liegt nicht im Wesen der CDU, einige Debatten in der Öffentlichkeit auszutragen zum persönlichen Schaden einiger", sagt Reichelt und spielt auf die Aussagen Sigmar Gabriels über Martin Schulz an. Dafür hat er kein Verständnis: "Was in der SPD passiert, kann man ja keinem erklären." Die CDU-Basis halte sich mit öffentlicher Kritik zurück, um nicht zu werden wie die Sozialdemokraten, sagt Reichelt. Da habe die SPD schon wieder Angela Merkel geholfen. 

Hinzu kommt aber auch: Alle wissen, dass dies Angela Merkels letzte Amtszeit sein wird. Auch dafür stehen die Tulpen auf den Tischen so symbolhaft: Ein Ende naht. Aber damit eben auch die Erneuerung, in der vergangenen Woche begonnen mit der Personalie Annegret Kramp-Karrenbauer. So sehen es zumindest alle hier, obwohl Kramp-Karrenbauer eine Vertraute Merkels ist. Aber sie habe ein Ministerpräsidentenamt aufgegeben, um Generalsekretärin zu werden. "Das ist bemerkenswert", sagt Fabian Reichelt: "ein großes Zeichen, dass nun etwas verändert wird".