Ausgerechnet im Roten Stüberl treffen sie sich, die Schwarzen. Warum das Nebenzimmer im Freilassinger Gasthaus Moosleitner neuerdings so heißt, weiß allerdings keiner so genau. Früher war es einfach nur das Stüberl. Es sind fünf Mitglieder des hiesigen CSU-Ortsverbands, die sich am späten Nachmittag eingefunden haben, um zu reden – über die große Koalition, über Merkel, über die eigenen Parteioberen.

Freilassing ist einer von 2.853 Ortsverbänden der CSU. Aber Freilassing ist nicht irgendwo. Freilassing ist da, wo die Menschen leben, die es damals geschafft haben. Damals, als Angela Merkel verkündet hat: "Wir schaffen das!" Und als es eigentlich, so sehen es die fünf im Roten Stüberl, schon längst nicht mehr zu schaffen war. "Am Schluss habe ich diesen Satz nicht mehr hören können", erzählt die Ortsvorsitzende Christine Schwaiger.

Weit weg von München liegt das Städtchen, von Berlin sowieso. Berchtesgadener Land, äußerster Südosten der Republik. Auf der anderen Seite der Saalach ist schon Österreich, Salzburg in Fußweite. Knapp 17.000 Menschen leben in Freilassing. 39,3 Prozent der Stimmen erhielt die CSU bei der letzten Stadtratswahl im Jahr 2014. Erster Bürgermeister ist seit 19 Jahren der CSU-Politiker Josef Flatscher.

Eine Stadt im Ausnahmezustand

In Freilassing ist Bayern tatsächlich noch so, wie es die CSU gern propagiert: heil. Markus Söder beim Neujahrsempfang, ein Unbekannter, der eine Glastüre eingeschlagen hat, und Pfarrer Buckel, der den kirchlichen Segen für einen 204 PS starken Einsatzwagen der Bergwacht spendet – das sind die Nachrichten, die die Menschen hier beschäftigen. In normalen Zeiten.

Anders im Herbst 2015. Da war hier nichts mehr normal, da war die Stadt auf einmal deutschlandweit in den Nachrichten. 1.000 bis 2.000 Flüchtlinge kamen damals täglich über die Grenze. Der Bahnverkehr zwischen Freilassing und Salzburg wurde zeitweise eingestellt. Landräte und Hilfsorganisationen waren alarmiert. Freilassing war im Ausnahmezustand.

"Das hat nur funktioniert, weil wir diese riesige Anzahl an freiwilligen Helfern hatten. Was die Leute hier auf die Beine gestellt haben, das war unglaublich", sagt die Ortsvorsitzende Christine Schwaiger. Stolz sind sie hier auf das Geleistete. Aber daneben gab es noch dieses andere Gefühl: dass man alleingelassen wurde. Vor allem vom Bund. "Die waren da oben in Berlin und haben geglaubt, das ist nicht so schlimm", sagt die 55-jährige Bauingenieurin.

Für eine neue große Koalition

"Die Behörden waren doch heillos überfordert", sagt Schwaiger. "Das Bundesinnenministerium ist dem Ganzen nur hinterhergehechelt. Deshalb bin ich persönlich froh, dass das Innenministerium in der neuen Regierung von der CSU besetzt worden ist." Wenn sie denn kommt, die große Koalition. Für sie sind sie hier alle. Und doch: Mögen tut sie keiner.

Joachim Schmitz, Landwirt Thomas Reiter-Hiebl, Fraktionsvize Wolfgang Krämer, Ortsvorsitzende Christine Schwaiger, Maximilian Standl (von links) © Florian Bachmeier für ZEIT ONLINE

Aber: "Ob die Union und die SPD eine Koalition eingehen, ist für mich überhaupt keine Frage", sagt Wolfgang Krämer. Der 43-Jährige ist stellvertretender CSU-Vorsitzender im Ort und Vizefraktionschef im Stadtrat. "Das ist ein klarer Auftrag, und dem müssen wir uns als demokratisch gewählte Parteien stellen." Aber es gebe doch überhaupt keine andere Option. Minderheitsregierung? Neuwahlen? Bloß nicht!

Und Jamaika? Das wäre schon was gewesen, finden die meisten am Tisch. "Gerade mit den Grünen hätte das einen richtigen Push gegeben", sagt Joachim Schmitz. Schmitz, 76 Jahre alt, westfälischer Migrationshintergrund, war 35 Jahre lang in der CDU. Vor zehn Jahren zog er nach Freilassing, um hier den Ruhestand zu genießen. Einer seiner ersten Gänge führte ihn zur CSU: "Ich möchte gerne unterschreiben." Inzwischen ist er im Ortsvorstand.