Der Welt-Journalist Deniz Yücel, der am Freitag aus einjähriger türkischer Haft entlassenen wurde, hat Deutschland bereits wieder verlassen. Das teilte er nun auf Twitter mit. "Ich bin nicht in Deutschland. Aber ich bin unter Freunden", schrieb Yücel. Dazu veröffentlichte er ein Foto, das ihn neben seiner Frau Dilek Mayatürk-Yücel und mit acht weiteren Menschen auf einer Wiese zeigt. Es scheint recht warm zu sein, denn die meisten tragen nur Hemden beziehungsweise T-Shirts.

Viele Menschen wollten wissen, wo genau Yücel sich befindet. Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt bat angesichts der Vielzahl von Anfragen, seinen Korrespondenten zunächst in Ruhe zu lasen. Auf Twitter schrieb er: "Deniz geht es gut, er genießt sein Leben in Freiheit, wir lassen ihn in Ruhe. Einverstanden?"

Yücel hatte gut ein Jahr ohne Anklage in der Türkei in Untersuchungshaft gesessen. Am Freitag ordnete ein Gericht dann überraschend seine Freilassung an, ohne eine Ausgangssperre zu verhängen. Bereits wenige Stunden später verließ er mit seiner Frau per Flugzeug die Türkei und landete am späten Abend in Berlin. Das Verfahren gegen Yücel geht aber weiter: Die türkische Staatsanwaltschaft fordert für ihn 18 Jahre Haft wegen Volksverhetzung und Terrorpropaganda. Yücel und die Bundesregierung weisen diese Vorwürfe zurück.

"Etwas Bitteres bleibt zurück"

Yücel selbst hatte sich am Freitagabend per Videobotschaft zu Wort gemeldet. Darin dankte er allen, die während der Haft an seiner Seite standen. Trotzdem bleibe etwas Bitteres zurück. "Ich weiß immer noch nicht, warum ich vor einem Jahr verhaftet wurde, genauer, warum ich vor einem Jahr als Geisel genommen wurde. Und ich weiß auch nicht, warum ich heute freigelassen wurde." Die Türkei sei ein Willkürstaat, in dem viele nur im Gefängnis säßen, weil sie eine oppositionelle Meinung zum Regime hätten.

Am selben Tag von Yücels Freilassung hatte ein Gericht drei renommierte türkische Journalisten zu lebenslanger Haft verurteilt, weil sie den Putschversuch 2016 unterstützt haben sollen.

Außenminister Sigmar Gabriel hatte betont, es habe keine Gegenleistung für die Freilassung gegeben. "Es gibt keinen Deal, weder einen schmutzigen noch einen sauberen", sagte er. Politische Einflussnahme habe es allenfalls bei der "Verfahrensbeschleunigung" gegeben.

Die Linken-Politikerin Sevim Dağdelen bezweifelte das im Deutschlandfunk. In der Vergangenheit habe der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan stets für Entgegenkommen Gegenleistungen verlangt, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Linken-Bundestagsfraktion. Zudem sei die Türkei wirtschaftlich angeschlagen und erhoffe sich Finanzhilfen und Kredite. Auch einen möglichen Rüstungsdeal brachte sie ins Spiel. Gabriel hatte sich zweimal geheim in der Türkei mit Erdoğan getroffen.