Zwei schwarze Limousinen bremsen am Samstag vor der Hamburger Messe in der Morgensonne. Andrea Nahles und Olaf Scholz steigen aus, sie vorne, er aus dem zweiten Wagen. Gemeinsam läuft das neue Machtzentrum der SPD zu den wartenden Kameras, Nahles in feuerroter Jacke, Scholz im dunkelblauen Zwirn. Auf dieser ersten Regionalkonferenz der SPD-Spitze wolle man gemeinsam um Zustimmung zum Koalitionsvertrag werben, sagt die designierte SPD-Chefin. "Wir werden sehr offen reden, weil wir wissen wollen: Wie ist die Stimmung?"

Schnellen Schrittes verschwinden die beiden dann in dem futuristischen weißen Gebäudekomplex in der Innenstadt. Vielleicht hat sie ein Spindoctor vorgewarnt, dass Simone Lange, neue Herzensdame der Basis, in der Nähe auf ihren Einsatz wartet. Die Flensburger SPD-Oberbürgermeisterin hatte vergangene Woche verkündet, gegen Nahles um den Parteivorsitz kandidieren zu wollen, auch damit Personalien künftig nicht im Hinterzimmer ausgeklüngelt würden, wie sie im Interview mit ZEIT ONLINE sagte.

Reinpieksen in Nahles' Selbstsicherheit

In Hamburg wollte Lange Nahles vor den Kameras ihre Bewerbungsunterlagen übergeben, ein bisschen reinpieksen also in die Selbstsicherheit der Fraktionschefin, die in einem am selben Tag veröffentlichten Spiegel-Interview schon recht offen über ihre Pläne als neue SPD-Vorsitzende spricht und darin auch sagt, sie glaube, sie habe gute Chancen, auf dem Parteitag im April gegen ihre Konkurrenten zu gewinnen.

Bei der Regionalkonferenz hat Nahles offensichtlich keine Lust auf gemeinsame Bilder mit Lange: Sie läuft so schnellen Schrittes davon, dass die Flensburgerin erst im Vorraum des Messegebäudes Kontakt mit ihr und Scholz aufnehmen kann. Von außen ist dann nur ein sich bewegender Menschenhaufen zu sehen. Lange wird später erzählen, sie habe Scholz in seiner Funktion als kommissarischer Parteichef die Unterlagen in die Hand gedrückt, dieser habe sie genommen, sei aber wortlos weitergelaufen.

Ein Schutzraum für SPD-Mitglieder

Journalistinnen müssen solche Dinge erfragen, weil bei den Regionalkonferenzen der Parteispitze Medienvertreter nicht zugelassen sind, auch nicht zum Auftakt in Hamburg. Die Partei will, so heißt es, einen Schutzraum für ihre Mitglieder schaffen, sie ohne Kameras diskutieren lassen. Wer versucht, sich im Vorraum der Messehalle mit Genossinnen und Genossen zu unterhalten, wird unfreundlich gebeten, dies doch auf dem Vorplatz zu tun. Als die Veranstaltung beginnt, schließen sich die Pforten komplett.

Etwas weniger als drei Stunden lang besprechen die nach offiziellen Angaben rund 700 Besucher mit Nahles und Scholz den Koalitionsvertrag. Von drinnen ist zu erfahren, dass man sich dazu um verschiedene "Thementische" versammelt hat. Die SPD-Parteiführung twittert Bilder von weißen Notizboards, auf denen Genossen rote Punkte an die von ihnen präferierten Themen kleben. "Herausforderungen für die Arbeitswelt von morgen" zum Beispiel, oder "eine neue Europapolitik". "Die Mutigen durften dann eine Frage stellen, wenn sie überhaupt dran kamen", erzählt eine Teilnehmerin bereitwillig im Anschluss. Es ist ja nicht so, dass die Genossinnen nicht mit Journalisten reden wollen.

Die Hamburger SPD-Leute berichten, dass Scholz und Nahles drinnen für die vielen kleinen sozialdemokratischen Vorhaben des Vertrags geworben und vor einem Rechtsruck in Deutschland gewarnt haben, sollten die rund 460.000 SPD-Mitglieder den Koalitionsvertrag ablehnen und es zu einer unionsgeführten Minderheitsregierung oder sogar zu Neuwahlen käme. 

In Umfragen liegt die SPD mit derzeit rund 16 Prozent nur noch knapp vor der AfD. Und viele hier haben entsetzt verfolgt, dass der AfD-Politiker André Poggenburg in dieser Woche türkischstämmige Deutsche als "Kameltreiber" und "vaterlandsloses Gesindel" bezeichnet hatte. Will man dieser Partei wirklich den Triumph gönnen, von ihr bei etwaigen Neuwahlen überflügelt zu werden?