171 Tage nach der Bundestagswahl hat Deutschland eine neue Regierung: Nach Angela Merkel als Kanzlerin sind am Mittwoch auch ihre Minister vereidigt worden. Ihrem neuen Kabinett gehören sechs Frauen und neun Männer an. CDU, CSU und SPD schicken einige jüngere Politikerinnen und Politiker nach Berlin. So ist Franziska Giffey von der SPD, bisher Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln, neue Bundesfamilienministerin. Insgesamt ist das Kabinett mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren jünger als das vorangegangene. Sechs der 15 Ministerposten werden von Frauen besetzt.

Vereidigung - »Dem Wohle des deutschen Volkes« Zum vierten Mal wird Angela Merkel Bundeskanzlerin. Eine Rückschau ihrer vier Vereidigungen © Foto: Kai Pfaffenbach / Reuters

Die CDU stellt neben der Kanzlerin sechs Ministerinnen und Minister. Neu dabei sind Anja Karliczek, Jens Spahn, Julia Klöckner und Helge Braun. Mit Ursula von der Leyen und Peter Altmaier wurden zwei Erfahrenere mit einem Ministerposten bedacht. Die CSU schickt drei Minister und eine Staatsministerin nach Berlin: Parteichef Horst Seehofer übernimmt das Innenministerium, Gerd Müller bleibt Entwicklungsminister, der bisherige Generalsekretär Andreas Scheuer bekommt das Verkehrsministerium.

Die SPD stellt mit Olaf Scholz den Finanzminister und Vizekanzler, das Außenamt übernimmt der bisherige Justizminister Heiko Maas. Alle Minister im Überblick:

Merkels neues Kabinett

  • Heiko Maas: * 19. September 1966, Saarland

    Heiko Maas
    • SPD
    • Auswärtiges Amt
    • Politikerfahrung: Bundes- und Landesminister

    Heiko Maas konnte sich sicher sein, dem neuen Kabinett anzugehören. Offen war nur, welches Ressort er bekommt: Als Justizminister konnte er durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz ebenso wie mit der Mietpreisbremse Akzente setzen und sich bundespolitisch profilieren.

    In die Kritik geriet er wegen seiner Rolle bei den Landesverratsermittlungen gegen Netzpolitik.org. Sein Wechsel ins Auswärtige Amt bedeutet nun ein neues Fachgebiet für Maas, der seine Karriere in seiner Heimat, dem Saarland, gestartet hat. Zunächst war er dort Staatssekretär, dann Ressortchef im Umweltministerium, Wirtschaftsminister und Vize-Regierungschef.

  • Julia Klöckner: * 16. Dezember 1972, Rheinland-Pfalz

    Julia Klöckner
    • CDU
    • Landwirtschaft
    • Politikerfahrung: Landtagsfraktionschefin, Vize-Parteichefin

    Julia Klöckner verlässt Rheinland-Pfalz und wechselt zurück nach Berlin, ins Landwirtschaftsministerium. Dort war sie bereits parlamentarische Staatssekretärin, kennt sich auch in Detailfragen gut aus. Mit ihrem Vorschlag, im Ökolandbau Pestizide zu erlauben, hat sie ihre Ambitionen öffentlichkeitswirksam gezeigt. Auf Unionsseite verhandelte sie die Agrarpolitik für die Neuauflage der großen Koalition maßgeblich mit.

    Klöckner kann gut mit Merkel, sie ist bei vielen in der Partei beliebt, was auch ihre Wahlergebnisse als Vizeparteichefin zeigen. In den vergangenen Jahren hat sie sich immer wieder bemüht, konservative Positionen zu besetzen. Für sie sprachen aus Parteisicht zwei weitere Punkte: Sie ist weiblich und relativ jung. Als Bundeslandwirtschaftsministerin könnte sie Landesvorsitzende ihrer Partei bleiben und bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz 2021 einen neuen Anlauf nehmen, Ministerpräsidentin zu werden.

  • Franziska Giffey: *3. Mai 1978, Brandenburg

    Franziska Giffey
    • SPD
    • Familie
    • Politikerfahrung: Bürgermeisterin von Berlin-Neukölln

    Die ostdeutschen SPD-Verbände verlangten eine starke Repräsentation im neuen Kabinett – und haben in Franziska Giffey eine Kandidatin gefunden, die nun das Familienressort übernimmt.

    Giffey ist seit drei Jahren Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln, bisher also verantwortlich für 300.000 Berlinerinnen und Berliner. Ihre Nominierung für ein Ministeramt ist sicher die größte Überraschung auf SPD-Seite im neuen Kabinett. Giffey stammt aus Frankfurt (Oder) und wollte ursprünglich Lehrerin werden. Stattdessen schlug sie eine Verwaltungslaufbahn ein.

  • Jens Spahn: * 16. Mai 1980, Nordrhein-Westfalen

    Jens Spahn
    • CDU
    • Gesundheit
    • Politikerfahrung: Parlamentarischer Staatssekretär, Parteipräsidiumsmitglied

    Eine der spannendsten Personalfragen einer erneuten großen Koalition war, was aus Jens Spahn wird. Das CDU-Präsidiumsmitglied hat sich als konservativer Widerpart zu Angela Merkel inszeniert. Nun steht es fest: Der Münsterländer wird Gesundheitsminister.

    Die Kanzlerin macht Spahn zum Minister, um ihn in die Kabinettsdisziplin einzubinden. Innerparteilich kommt sie mit diesem Schritt ihren konservativen Kritikern und der Jungen Union entgegen.

    Mit dem Thema Gesundheits- und Pflegepolitik kennt Spahn sich aus: Vor seiner Zeit als parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium war er sechs Jahre gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion.

  • Hubertus Heil: * 3. November 1972

    Hubertus Heil
    • SPD
    • Arbeit und Soziales
    • Politikerfahrung: Generalsekretär

    Hubertus Heil ist Vize-Chef der SPD-Bundestagsfraktion und gehört dem Bundestag seit 1998 an. Er stammt aus Niedersachsen und übernahm 2017 kurzfristig das Amt des Generalsekretärs und leitete mit dem Team von Martin Schulz dessen Wahlkampf. Dieses Amt hatte er bereits von 2005 bis 2009 inne. Damals war er mitverantwortlich für den SPD-Wahlkampf zur Bundestagswahl 2009. Bei den Sondierungsgesprächen mit der Union war er einer der Unterhändler seiner Partei. In der Bundestagsfraktion gehört er der Gruppe der reformorientierten Netzwerker an.

  • Katarina Barley: * 19. November 1968, Rheinland-Pfalz

    Katarina Barley
    • SPD
    • Justiz und Verbraucherschutz
    • Politikerfahrung: Bundesministerin, Generalsekretärin

    Die vormalige SPD-Generalsekretärin Katarina Barley rückte 2017 als Familienministerin ins Bundeskabinett, als ihre Vorgängerin Manuela Schwesig Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern wurde. Mit dem Wechsel von Andrea Nahles an die Fraktionsspitze übernahm sie das Arbeits- und Sozialressort. Barley, die sich selbst als "Universalwaffe" ihrer Partei bezeichnet, hätte sich auch das Außenressort vorstellen können. Jetzt wird die ausgebildete Juristin das Justiz- und Verbraucherschutzministerium leiten. Die ehemalige Richterin könnte zur liberalen Gegenspielerin von Innen- und Heimatminister Horst Seehofer werden.

  • Olaf Scholz: * 14. Juni 1958, Hamburg

    Olaf Scholz
    • SPD
    • Finanzen
    • Politikerfahrung: Bundesminister, Landesregierungschef, Parteichef (komm.)

    Seit Jahren ist Olaf Scholz Teil der SPD-Spitze, etwa als Generalsekretär von Gerhard Schröder und stellvertretender SPD-Vorsitzender. Im Kabinett Merkel I war Scholz von 2007 bis 2009 Bundesminister für Arbeit und Soziales. Nun ist der Jurist Finanzminister und Vizekanzler. Wie sein Vorgänger Wolfgang Schäuble (CDU) will Scholz keine neuen Schulden im Bundeshaushalt machen. Zusammen mit der designierten Parteichefin Andrea Nahles wird er die sozialdemokratische Machtachse bilden.

  • Svenja Schulze: * 29. September 1968

    Svenja Schulze
    • SPD
    • Umwelt
    • Politikerfahrung: Generalsekretärin der SPD in Nordrhein-Westfalen, früher Wissenschaftsministerin

    Die bisherige Generalsekretärin der SPD in Nordrhein-Westfalen war von 2010 bis 2017 Wissenschaftsministerin in NRW. Im Dezember 2017 wurde Svenja Schulze als Beisitzerin in den Parteivorstand und das SPD-Präsidium gewählt. Nun übernimmt sie das Umweltressort, auch wenn sie in diesem Bereich bisher nicht allzu viele Erfahrungen vorzuweisen hat.

    Als Umweltministerin wird sie wesentlichen Einfluss auf den Kohleausstieg haben, der Nordrhein-Westfalen besonders betrifft. Bevor sie in die Politik ging, war Schulze Unternehmensberaterin.

  • Peter Altmaier: * 18. Juni 1958, Saarland

    Peter Altmaier
    • CDU
    • Wirtschaft
    • Politikerfahrung: Bundesminister, Kanzleramtschef

    Finanzen, Kanzleramt, Umwelt: Peter Altmaier geht dorthin, wo die Kanzlerin ihn braucht. Er gilt als äußerst loyal, als Kanzleramtschef war er einer von Merkels wichtigsten Vertrauten. In dieser Funktion war er verantwortlich für das Management der Flüchtlingskrise.

    Deshalb galt es früh als sicher, dass Peter Altmaier einem möglichen neuen Kabinett angehören würde. Zunächst war er als Finanzminister im Gespräch. Das Ressort leitete er nach Schäubles Wahl zum Bundestagspräsidenten kommissarisch, nun wechselt er ins Wirtschaftsministerium.

  • Helge Braun: * 18. Oktober 1972, Hessen

    Helge Braun
    • CDU
    • Kanzleramt
    • Politikerfahrung: Staatsminister im Kanzleramt

    Als Staatsminister bei der Bundeskanzlerin arbeitete Helge Braun bereits direkt für Angela Merkel. Er verantwortete neben Themen wie dem Bürokratieabbau auch die Umsetzung der Flüchtlingspolitik. Das prädestinierte ihn für die Nachfolge von Peter Altmaier als Chef des Kanzleramtes, zumal Merkel mit ihm sehr zufrieden ist.

    Er ist Bundestagsabgeordneter, 2017 war er CDU-Spitzenkandidat auf der hessischen Landesliste. Der für die CDU wichtige Landesverband Hessen drang darauf, einen Minister im neuen Kabinett zu stellen. Seine Berufung zum Kanzleramtsminister galt auch deshalb als gesetzt. Gemeinsam mit der Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) soll er sich um das Thema Digitales kümmern.

  • Anja Karliczek: * 29. April 1971, Nordrhein-Westfalen

    Anja Karliczek
    • CDU
    • Bildung und Forschung
    • Politikerfahrung: Parlamentarische Geschäftsführerin der Unionsfraktion im Bundestag

    Bisher hat sie sich eher mit Finanzthemen befasst: Reform der Lebensversicherungen, betriebliche Altersvorsorge, Bund-Länder-Finanzausgleich. Anja Karliczek war eine der fünf parlamentarischen Geschäftsführerinnen und -führer der Unionsfraktion im Bundestag. Die 46-jährige Christdemokratin sitzt seit 2013 als direkt gewählte Abgeordnete des münsterländischen Wahlkreises Steinfurt III im Parlament.

    In der Fraktion wird Karliczek als optimistische Frau mit zupackendem Naturell und Organisationstalent beschrieben. Möglicherweise verdankte sie diesen Eigenschaften – und der Verankerung im stärksten Landesverband Nordrhein-Westfalen – ihren ungewöhnlich schnellen Aufstieg in die Fraktionsführung und jetzt, nach Wunsch der Kanzlerin, als Bildungsministerin im Bundeskabinett.

  • Ursula von der Leyen: * 8. Oktober 1958, Niedersachsen

    Ursula von der Leyen
    • CDU
    • Verteidigung
    • Politikerfahrung: Bundesministerin, Mitglied im Parteipräsidium

    Es gab eine Zeit, da wurde Ursula von der Leyen als sichere Nachfolgerin von Angela Merkel gehandelt. Dann übernahm sie das Verteidigungsministerium und verlor wegen Skandalen und Ausrüstungsproblemen in der Truppe an Rückhalt. In der CDU war ihr Stand auch wegen ihrer gesellschaftspolitisch liberalen Ansichten schon immer schwierig.

    Von der Leyen gilt nach wie vor als Verbündete Merkels. Inhaltlich hat sie den Mitte-Kurs der Kanzlerin stets mitgetragen. Dass sie erneut das Verteidigungsressort übernehmen wird, galt als relativ sicher, auch weil sich sonst niemand für diese schwierige Aufgabe anbietet.

  • Gerd Müller: * 25. August 1955, Bayern

    Gerd Müller
    • CSU
    • Entwicklung
    • Politikerfahrung: Bundesminister

    Gerd Müller begann seine Karriere als Bürgermeister, ging dann in die Landespolitik und wurde schließlich Entwicklungsminister. In dem Amt fiel er auf, als er die Fußball-WM in Brasilien boykottierte. Auch kritisierte er die seiner Meinung nach unkoordinierte EU-Flüchtlingspolitik und forderte einen Marshallplan für Afrika. In der neuen großen Koalition behält Müller seinen Posten.

  • Andreas Scheuer: * 26. September 1974, Bayern

    Andreas Scheuer
    • CSU
    • Verkehr
    • Politikerfahrung: Generalsekretär, Parlamentarischer Staatssekretär

    Bisher trat Andreas Scheuer als Krawallmacher der CSU auf: Wegen Äußerungen, wie jene über fußballspielende, ministrierende Senegalesen, und harten Attacken gegen den politischen Gegner (“Top-Agent einer Ex-Stasi-Connection” über den Linkspolitiker Bodo Ramelow) geriet er immer wieder in die Kritik.

    Nun ist ihm dennoch der Sprung in die Bundespolitik geglückt: Parteichef Seehofer belohnt ihn für seine Loyalität und schickt ihn als Verkehrsminister nach Berlin.

  • Horst Seehofer: * 4. Juli 1949, Bayern

    Horst Seehofer
    • CSU
    • Innen und Heimat
    • Politikerfahrung: Ministerpräsident, Parteichef, Bundesminister

    Die Position von Horst Seehofer in einer neuen Koalition hatte sich schon lange angedeutet: Der CSU-Chef wird das um Heimat und Bauen aufgestockte Bundesministerium für Inneres übernehmen. In Bayern macht er als Ministerpräsident Platz für Markus Söder. Den Parteivorsitz will Seehofer trotz des Wechsels ins Merkel-Kabinett nicht abgeben: In einem Parlament mit sieben Parteien sei es wichtig, dass der CSU-Chef in Berlin sitze, um den christsozialen maximales Gehör zu verschaffen, so Seehofer.

    Vor seiner Zeit als Ministerpräsident war Seehofer bereits zweimal Bundesminister, einmal unter Merkel.