Diese große Koalition hat bis zuletzt viel getan, um nicht als das erkannt zu werden, was sie ist. Die überlangen Verhandlungen, die Nachtsitzungen, die ständig umgedeuteten und aufgeschnürten und neu formulierten Kompromisse: Es durfte bloß nicht nach Routine aussehen.

Nun steht es da aber schwarz auf weiß, das Ergebnis dieser als Ausnahmezustand inszenierten Verhandlungen. Dieses Ergebnis sieht nicht schlecht, aber unvermeidbar nach großer Koalition aus. Das ist das Problem dieser möglichen neuen Regierung: dass sie nicht mehr sein kann, als sie dem Wesen nach ist.

Wenn nicht alles täuscht, wächst auch in Deutschland das Bedürfnis nach etwas Neuem. Das hat profane Gründe, etwa die schon sehr lange Amtszeit der Bundeskanzlerin. Aber dahinter steckt auch Grundsätzliches: das Gefühl nämlich, dass das kleine Geschirr der eingeübten Politik, der kleine Kompromiss zwischen sich ähnelnden Parteien, nicht zu den großen Veränderungen dieser Zeit passt. Die Diagnose dieses mittlerweile chronischen Leidens geht so: Die Handlungsfähigkeit der Politik ist geschrumpft, teilweise durch äußere Umstände und teilweise selbstverschuldet. Der Anspruch der Bürger an sie aber nicht. Aus dieser Differenz speist sich der Frust über das vermeintliche Klein-Klein der großen Koalition.

Das wissen auch die Parteien, sie sehen es ja teilweise selbst so. Am offensichtlichsten ist das bei der SPD. Die war schon in die andere Richtung losgelaufen, wollte nach der Wahl alles anders und bloß nichts gemeinsam mit der Union machen. Die Sozialdemokraten wollte das Alte beenden und etwas Neues beginnen. Die Sehnsucht ihrer Anhänger, die sie so selbst genährt hat, bekommt sie jetzt kaum mehr aus den Köpfen und Herzen. Das ist die Herausforderung des nun anstehenden Mitgliederentscheids über den Koalitionsvertrag. Was sind schon 177 Seiten kleiner Kompromisse gegen die große Geste des Neuanfangs?

Große allgemeine Verunsicherung

Bei der SPD hört es noch lange nicht auf. In allen Ecken (und auch in der Mitte) der Politik glimmt schon das Neue auf. Sei es im Geraune um eine neue linke Sammlungsbewegung oder bei der immer noch neuen AfD. In der Union rütteln neue, alte Konservative wie Jens Spahn und Alexander Dobrindt schon mal am Merkelschen Status quo. Die Grünen stellten ihren Parteitag unter das Motto "Das ist erst der Anfang" und wählten zwei neue Vorsitzende. Einer davon, Robert Habeck, schrieb einen Text, der sich wie das Dokument einer großen allgemeinen Verunsicherung liest: "In mir wurde das Gefühl immer stärker, hier passt irgendetwas nicht zusammen, ganz fundamental nicht", erinnert er sich an den Wahlkampf. "Die mulmige Frage, die in mir in diesen Sommerwochen rumorte, lautete, ob nicht auch ich Teil der Vortäuschung falscher Sicherheit war."

Habeck weiß selbst nicht so genau, welche Schlüsse er daraus ziehen soll. Wie Politik wieder so neu und groß werden kann, dass sie zu den neuen und großen Veränderungen passt. Das ist typisch. Alles, was da glimmt, ist noch schwammig, unbeholfen manchmal. Die Sehnsucht ist noch größer als die Vorstellung davon, was genau da kommen soll.

Aber das entwertet die Suche nach dem Neuen ebenso wenig wie der Hinweis, es gehe "uns" doch gut; Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und so weiter. Denn volkswirtschaftliche Kennziffern können gesellschaftliche Verunsicherungen nicht abbilden. Und warum eigentlich sollte ein Land politisch nur noch kleine Ansprüche haben, nur weil es den meisten seiner Bewohner ökonomisch gut geht?