Sie tut es also. Angela Merkel werde einen ihrer lautesten Kritiker ins Kabinett befördern, berichteten am Samstagabend mehrere Medien noch vor der für diesen Sonntag geplanten offiziellen Verkündung. Jens Spahn solle Gesundheitsminister werden.

Wenn das stimmt, zeigt das zweierlei: Erstens ist Angela Merkel nicht mehr so stark, dass sie ihre Partei einfach ignorieren kann. Sie muss auf die Wünsche der Mitglieder hören. Zweitens aber hat sie ihren Führungsanspruch längst noch nicht aufgegeben. Sie lässt ihren Gegenspieler mitmachen, aber sie weist ihm dafür einen schwierigen Posten zu.

Dass sie Spahn als Minister nicht länger verhindern kann, scheint Merkel spätestens vor zwei Wochen klar geworden zu sein. Da kündigte sie in einem Interview an, die Liste ihrer künftigen Kabinettsmitglieder noch vor der Abstimmung über den Koalitionsvertrag bekannt geben zu wollen. Das hatten vor allem die heftigsten Unterstützerinnen und Unterstützer Spahns gefordert.

Ihr Kalkül war einfach: Hätte Merkel Spahn einfach ignoriert, obwohl der in den vergangenen zwei Jahren zum Hoffnungsträger all jener in der Partei aufgestiegen ist, die sich diese irgendwie konservativer und wieder klarer profiliert wünschen, dann wäre die Abstimmung über den Koalitionsvertrag wohl desaströs ausgegangen. Und alle Welt hätte über Merkels schwindende Autorität geredet. Nun sichert die Kanzlerin ihren Einfluss, indem sie ein wenig Macht abgibt.

Es geht um Merkels Nachfolge

Für Spahn ist das Ministeramt wichtig. Schließlich geht es bei allen Personalfragen, die nun entschieden werden, stets um die Frage: Wer wird Merkel in einigen Jahren beerben? Nur mit Regierungserfahrung hat Spahn in dieser Hinsicht überhaupt eine Chance.

Mit seinen gerade mal 37 Jahren könnte Spahn nun also Chef von rund 700 Beschäftigten und Herr über einen Haushalt von 15 Milliarden Euro jährlich werden. Es wäre ein gewaltiger Karriereschritt. Dass Merkel ihrem Widersacher gerade dieses Ressort überlassen will, ergibt auch inhaltlich Sinn. Schließlich war Spahn, bevor er Finanzstaatssekretär wurde, einer der profiliertesten Gesundheitspolitiker der Union. Auf diesem Gebiet kennt er sich wirklich aus.

Seinen Ruf als Merkel-Gegner und konservativer Hoffnungsträger verdankt Spahn indessen vor allem seiner Lust an der Provokation und seinem Hang zu populistischen Sprüchen. Mal forderte er ein Burka-Verbot oder ein Islam-Gesetz, dann wieder kämpfte er gegen die doppelte Staatsbürgerschaft oder klagte über Englisch sprechende Hipster in deutschen Großstädten. Das brachte ihm schnelle Punktgewinne, zumindest in Teilen der Partei und der Bevölkerung.

Keine leichten Punktsiege mehr

Mit seiner Beförderung gehen die Zeiten leichter Siege für Spahn nun zu Ende – nicht nur, weil er als Minister wie jeder andere in die Kabinettsdisziplin eingebunden sein wird. Das Gesundheitsministerium ist ein schwieriges Ressort. Hätte Merkel Spahn zum Bildungsminister gemacht, hätte sie es ihm leichter gemacht. Wie Spahn selbst sich die Ausfüllung dieses Amtes dachte, bewies er zuletzt in einem Interview als er mehr Leitkultur an deutschen Schulen forderte.

Stattdessen wird er sich nun – sollte die Koalition zustande kommen – mit der SPD über die Finanzierung des Gesundheitssystems streiten müssen. Und als Minister wird er dann womöglich Kompromisse verteidigen müssen, die das von ihm so scharf ersehnte Profil der CDU weiter verwässern.

Andererseits ist er als Gesundheitsminister auch für die Bekämpfung des Pflegenotstands zuständig. Dass die CDU dieses Gebiet vernachlässigt habe, ist nach Merkels Ansicht einer der Gründe dafür, dass die AfD im Wahlkampf so stark geworden ist. Es scheint fast so, als wollte Merkel Spahn mit ihrem Angebot sagen: Jetzt hör mal auf zu reden und tu mit deiner Politik was dafür, dass diejenigen, die sich von uns abgewandt haben, wieder zurückkommen.

Mit seiner Beförderung gibt Merkel Spahn eine echte Chance. Einfach macht sie es ihm nicht. Nun hängt es von ihm ab, was aus ihm wird. Darauf, dass Merkel ihn behindert habe, werden er und seine Getreuen sich künftig jedenfalls nicht mehr zurückziehen können.