Als der Vertreter der Deutschen Rentenversicherung Berlin-Brandenburg fragt, wer sich denn schon mal mit seiner Altersvorsorge beschäftigt hat, heben mehr als die Hälfte der Anwesenden im Saal die Hände. Vor ihm sitzen keine Mittvierziger, sondern die Mitglieder der Jungen Union Berlins. Es ist Freitagabend, der Jugendverband hat zur Veranstaltung "Wie geht's weiter mit der Rente?" geladen, und immerhin 30 Mitglieder sind gekommen. Während die Stadt draußen im Feierabendstress ist, diskutieren sie in den Räumen des CDU-Landesverbandes über die Zukunft der Altersversorgung.

Der Landesvorsitzende, Christoph Brzezinski, tritt zum Rednerpult, zupft noch einmal kurz an seinem Sakko, dann sagt er: "Liebe Freunde, das Thema Rente geht uns alle an." Und: "Angesichts des Koalitionsvertrags könnte es nicht aktueller sein." Es sind Vertreter der Deutschen Rentenversicherung, des Deutschen Gewerkschaftsbundes sowie der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände gekommen, sie sollen erst ihre Positionen vorstellen und anschließend gemeinsam debattieren. Auch Christopher Lawniczak, 22, sitzt in der Runde. Er ist Vorsitzender der JU Tempelhof-Schöneberg und hat die Veranstaltung organisiert.

Die JU Berlin hat 2.800 Mitglieder in zwölf Kreisverbänden, aus fast allen sind heute Abend Mitglieder gekommen. Man kennt sich, begrüßt sich herzlich, auch die aus den anderen Kreisverbänden. Die meisten im Saal sind männlich, um die 20 Jahre alt und Studenten, angehende Juristen, Politologen oder BWLer. Sie sehen schick aus mit ihren Hemden unter den Pullovern, den legeren Stoffhosen, den teuren Armbanduhren und Ledergürteln.

Christopher Lawniczak, 22, ist seit Ende 2010 in der Jungen Union und mittlerweile stellvertretender Landesvorsitzender, Pressesprecher und Vorsitzender der JU Tempelhof-Schöneberg. © Charlotte Schmitz/Le Journal für ZEIT ONLINE

Nach einer halben Stunde dürfen Fragen gestellt werden. Die Finger schnellen nach oben, es geht um das Nettorentenniveau, den Einfluss von Zuwanderung auf das Rentensystem, die Mütterrente, später auch um jüngere Themen wie das bedingungslose Grundeinkommen und die Digitalisierung. Ein junger Mann zeigt auf, er führt erst aus, warum "das System in der Krise" sei, dann sagt er: "Ich persönlich finde es nicht so attraktiv, bis 70 zu arbeiten." Zustimmendes Kopfnicken im Publikum. "Warum schaffen wir das Renteneintrittsalter nicht einfach ab? Warum ist die Flexirente keine Option?" Ein anderer stellt fest, dass das deutsche Rentensystem noch aus der Zeit von Bismarck stamme: "Ist das überhaupt das richtige System?" Die Redner machen sich bereit, zu antworten, niemand quatscht dazwischen, alle hören aufmerksam zu. Hitzig wird es nicht.

Schwimmhallen und Wasserspender

Diskussionsrunden sind nur ein kleiner Teil dessen, was die Junge Union in Berlin organisiert. Die Arbeit der Kreisverbände setzt bei den alltäglichen Problemen in den Bezirken an. In Reinickendorf wollen sie zum Beispiel große Straßenkreuzungen mit Moos bepflanzen, um Feinstaub zu filtern. In Tempelhof-Schöneberg schreiben sie Anträge, damit die Schwimmhalle bessere Öffnungszeiten bekommt oder ein öffentlicher Wasserspender errichtet wird. Diese werden dann auf dem Kreisparteitag der CDU vorgestellt, beraten und bestenfalls auch beschlossen.

Beim letzten Kreisparteitag war die JU Tempelhof-Schöneberg recht erfolgreich: Von acht Anträgen wurden sieben bewilligt. Die beschlossenen Anträge werden an die zuständigen Gremien weitergeleitet, zum Beispiel an die CDU-Fraktion der Bezirksverordnetenversammlung in Tempelhof-Schöneberg, die sie dann wieder prüft. Ob sie letztendlich umgesetzt werden, ist eine Frage der politischen Mehrheit, der Verwaltung und des Geldes. Viele Mitglieder sagen, dass sie ihre Bezirke, die Menschen, die darin wohnen, und die politischen Strukturen Berlins viel besser kennen, seit sie in der Partei seien. Dinge, die sie im Alltag stören würden, könnten sie in den Verbänden anpacken und eigene Ideen einbringen.

Die Mitglieder der JU Berlin sind keine Demogänger, keine Rebellen auf der Straße, sie machen leise Politik. Viele sind schon jahrelang dabei, haben in der Schülerunion angefangen, einige sind mittlerweile sogar auf Landesebene tätig. Sie haben klare Aufgaben und wissen, wo sie ansetzen müssen. Lawniczak zum Beispiel ist seit Ende 2010 dabei und nicht nur Vorsitzender von Tempelhof-Schöneberg, sondern auch Pressesprecher und stellvertretender Landesvorsitzender. Es gebe kaum einen Tag, an dem er nichts für die Partei mache, sagt er. Natürlich alles auf freiwilliger Basis: Jeder und jede kann selbst entscheiden, wie viel Arbeit sie in die JU investieren wollen. Viele machen dann eben mehr.