Der Berliner Polizeichef Klaus Kandt muss seinen Posten räumen. Innensenator Andreas Geisel (SPD) sagte, er danke Kandt für seine Arbeit. Aber nun gehe es darum, die Behörde von den "Debatten der Vergangenheit zu befreien". Deshalb habe er Kandt in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Der 57-jährige Polizeichef war zuvor wegen zahlreicher Missstände in der Hauptstadtpolizei in die Kritik geraten.  

Seit dem 17. Dezember 2012 war Kandt Chef der etwa 16.000 Hauptstadtpolizistinnen und -polizisten. Seit Dezember 2017 ermittelte die Berliner Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen eines Skandals um marode Schießstände. Bei den Schießständen soll die Luft vergiftet gewesen sein, was zu Krankheitsfällen in der Polizei führte. Innensenator Geisel äußerte sich zurückhaltend zu diesem Vorwurf. Es sei sehr schwierig, den Zusammenhang zwischen der schlechten Luft und den Krankheitsfällen herzustellen, sagte er. Die Staatsanwaltschaft habe ihre Untersuchungen noch nicht abgeschlossen.

Kandt stand auch wegen Versäumnissen der Berliner Polizei bei der Überwachung von Anis Amri in der Kritik. Amri hatte im Dezember 2016 den Terroranschlag an der Berliner Gedächtniskirche verübt. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Berliner Landeskriminalamt ihn längst als möglichen Gefährder beobachtet, ihn aber kurz vor den Anschlägen aus den Augen verloren. Wie ZEIT ONLINE recherchierte, wurden mit dem Fall betraute Polizistinnen und Polizisten trotz dieser Versäumnisse befördert. Offenbar führte auch Personalmissmanagement und Unterbesetzung in einigen Abteilungen dazu, dass die Berliner Polizei Amri nicht stoppen konnte.

"Brutaler Angriff auf die Unabhängigkeit der Polizei"

Auch sonst war das Jahr für die Hauptstadtbeamten bestimmt von Negativschlagzeilen: Im Herbst wurde berichtet, dass das an das Niveau der Auszubildenden an der Berliner Polizeiakademie massiv gesunken sei. Beim G20-Gipfel im Juli in Hamburg benahmen sich die aus Berlin entsandten Einsatzhundertschaften in abendlichen Trinkgelagen so daneben, dass sie wieder nach Hause geschickt wurden.

Die Berliner Polizei brauche einen Neuanfang, sagte Geisel. Er habe nicht das Vertrauen, dass Kandt diesen gestalten könne. Es gehe auch darum, das Image der Beamten zu verbessern, die sich jeden Tag schützend vor die Einwohner der Stadt stellten. Der SPD-Politiker betonte, es gebe keinen konkreten Anlass für die Entscheidung, vielmehr sei sie lange gereift. Die Berliner Polizei müsse zukunftsfähig werden.

Bis zur Nominierung eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin soll Michael Krömer, bisher Chef der Polizeidirektion 5, die Berliner Polizei kommissarisch führen. Er tritt ab März seinen neuen Job an. Bis dahin leitet Kandts Stellvertreterin Margarete Koppers die Behörde. Sie wird danach Berliner Generalstaatsanwältin werden.

Kandt sagte laut einem Bericht der Welt, ihn habe die Ablösung überrascht. Er akzeptiere diese "politische Entscheidung" aber, weil Berlins rot-rot-grüne Regierung offenbar einen "innenpolitischen Neuanfang" wolle. Der Vorsitzende der Berliner CDU-Fraktion, Florian Graf, sprach von einem "brutalen Angriff auf die Unabhängigkeit der Polizei". Kandt habe vielen in der rot-rot-grünen Koalition schon lange nicht mehr in den Kram gepasst.  Kandt, früherer SEK-Teamführer, war 2012 vom damaligen CDU-Innensenator zum Berliner Polizeipräsidenten ernannt wurden.

Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft Berlin kritisierte die Entscheidung des Innensenators. "Die Polizei Berlin mit einem Streich komplett führungslos zu machen, ist ein sicherheitspolitischer Ritt auf der Rasierklinge", schrieb die Gewerkschaft auf Twitter.