Die meisten professionellen Beobachter, Politikwissenschaftler und sogar viele Politiker haben ihr Urteil längst gefällt: Eine neue große Koalition im Jahr 2018 steht für das Altbekannte, Bewährte, Verknöcherte. Sie klingt nach Stillstand, Beharrung, faulem Formelkompromiss; irgendwie langweilig, wenig inspirierend, wenig zukunftsfähig, widerwillig. Aber warum eigentlich? Zumindest aus historischer Perspektive ist es schwer nachvollziehbar.

Große Koalitionen sind besser als ihr Ruf. Weder bedeuten sie das Ende demokratischer Politik, noch führen sie zu einer "lähmenden Resignation" im Volk, wie es Günter Grass aus Anlass der ersten großen Koalition 1966 befürchtete. Alle drei bisherigen Grokos setzten ihre Programmatik um, ohne gesellschaftliche Großdebatten abzuwürgen. Im Gegenteil: Die 68er-Bewegung stieg parallel zur ersten Groko auf, jüngst ist der Streit um Einwanderung und Flüchtlingspolitik während einer schwarz-roten Regierungszeit eskaliert.

Kernkompetenzen Staatshaushalt und Sozialleistungen

Vor allem in zwei Bereichen punkten große Koalitionen: erstens bei der Konsolidierung des Staatshaushaltes in Wirtschaftskrisen. Dies spielte 1966 und 2005 eine herausragende Rolle, 2018 ist es kein Thema. Zweitens gelingt es ihnen gut, über den Sozialstaat die fundamentalen Lebensrisiken für ihre Bürger abzufedern. Dies sind genau die Bereiche, die den Alltag der meisten Menschen direkt betreffen: Ausbildung, Arbeitslosigkeit, Rente, selbst bei der Gesundheitsvorsorge haben Union und SPD relativ große Schnittmengen. Über Jahrzehnte hat sich eine informelle große Koalition der Sozialpolitiker ausgebildet. Diese wird in einer Groko nur formalisiert.

Maßstäbe setzte die erste große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt 1966-1969, soweit es die verwirklichten Vorsätze und Versprechen betraf. Ein Drittel aller Grundgesetzänderungen vor 1990 ging auf ihr Konto. Den defizitären Haushalt brachte sie rasch ins Gleichgewicht. Und sie setzte sozialpolitische Meilensteine wie die Einführung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Auch das Bafög ist ihr zu verdanken. Sie hat Witwen-, Kriegsopfer- und Sozialrenten erhöht und fundamentale familien- und rechtspolitische Reformen eingeleitet. Auch bemühte sie sich um einen kooperativen Föderalismus, damals wie heute im Interesse der Bildungspolitik.

Auch die beiden schwarz-roten Kabinette Merkel I (2005-2009) und III (2013-2017) machten ihre Sache gut. Merkel und Müntefering, aber auch Merkel mit Steinmeier, Steinbrück und Gabriel regierten harmonisch, während das "kleine" schwarz-gelbe Kabinett Merkel-Westerwelle/Rösler von einem Fettnapf in den anderen stolperte. Übrigens trat auch Kohls Koalition mit der FDP 1990-1998 innenpolitisch auf der Stelle.