Wer den Unternehmer und CDU-Anhänger Alexander Prox besuchen will, muss vom Berliner Regierungsviertel aus ziemlich weit nach Westen fahren. Nach Ostrhauderfehn, einem 11.000-Einwohner-Städtchen im südlichen Ostfriesland, wenige Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt. Die Häuser sind hier aus roten Ziegelsteinen, vor der Stadt liegen die Moorwiesen. Entwässerungsgräben, rechts und links gesäumt von Maulwurfshügeln, durchziehen das Gewerbegebiet.

Hier hat, neben anderen kleinen Firmen, das Unternehmen von Alexander Prox seinen Sitz. Zwei weiße Hallen und ein zweistöckiger schwarz-roter Ziegelbau, 42 Mitarbeiter: Das ist die Novocal GmbH & Co. KG, "Ihr starker Partner für Krankenhäuser und Pflegeheime". Die medizinischen Spezialmöbel, die sie hier bauen, sind in ganz Europa gefragt.

Prox, ein schlanker 46-Jähriger, der in seiner Freizeit taucht und Golf spielt, führt gern durch sein Unternehmen. In der großen, sauberen Halle bauen Mitarbeiter in grauen Anzügen Edelstahlelemente zusammen. Sein eigenes Arbeitszimmer liegt im zweiten Stock des Bürogebäudes und ist fast so steril wie die Werkshalle: Ein glänzend weißer Schreibtisch, schwarze Ledermöbel, ein paar Metallskulpturen. Wäre da nicht der große Labrador, der neben seinem Herrchen hinter dem Tisch hockt. Ab und zu darf der Hund mit Prox zur Arbeit.

Rückgrat der Wirtschaft

Wenn Politiker sagen, dass der Mittelstand das Rückgrat der deutschen Wirtschaft sei, meinen sie Leute wie ihn. Prox ist außerdem Mitglied der CDU und die Kombination aus beidem müsste ihn eigentlich zu einem scharfen Kritiker dessen machen, was da gerade im weit entfernten Berlin passiert.

Denn es ist vor allem der Wirtschaftsflügel der CDU, der den mit der SPD ausgehandelten Koalitionsvertrag so scharf kritisiert, wie das in der Partei eigentlich ungewöhnlich ist. Insbesondere die Ressortverteilung gehe ins Mark der CDU, hieß es etwa. Vom "Mief der Umverteilung" war die Rede oder davon, dass Unternehmen mit den Herausforderungen der Zukunft alleingelassen würden.

Komisch nur, dass von dieser Wut im Büro des CDU-Mittelständlers Prox eher wenig zu spüren ist. Klar, auch er findet: "Merkel hat viele Zugeständnisse gemacht. Vielleicht zu viele". Dass sie das Finanzministerium aufgegeben hat zum Beispiel. Und dann ist da die Sache mit dem Mittelstandsbauch im Steuersystem. Prox' Mitarbeiter haben gerade eine Lohnerhöhung bekommen. Es frustriert ihn, wie viel ihn das kostet und wie wenig davon am Ende bei seinen Leuten ankommt, weil so viel von der Steuer aufgefressen wird. "Das hätte man endlich angehen sollen", sagt er. Aber schlimmer wäre doch, wenn es keine Regierung gäbe, wenn es mit der SPD nicht klappt. "Man muss ja immer nach vorne gucken", findet Prox.   

Diese Nüchternheit hat vielleicht auch damit zu tun, dass Prox nicht eigentlich aus Leidenschaft in die CDU eingetreten ist, sondern eher aus Kalkül. Vor zehn Jahren wollte er die Firmen in seinem Gewerbegebiet besser vernetzen. Also gründete er eine Ortsgruppe der Mittelstandsvereinigung der CDU (MIT). Weil er deren Vorsitz übernahm, musste er, so verlangten es die Statuten, auch in die CDU eintreten. Während Jusos, viele andere Mitglieder der SPD oder auch der Grünen von Idealismus angetrieben in die Parteien gehen, machen Leute wie Prox eher aus Pragmatismus mit. Deshalb wird er auch nicht so wütend wie die Jusos. 

Neidisch auf China

Erwartungen hat er trotzdem. Für Prox ist die Digitalisierung ein wichtiges Thema. In seinem eigenem Unternehmen ist sie derzeit mehr Segen als Last. Denn die neuen Techniken haben die Produktion extrem erleichtert. Da ist zum Beispiel der riesige Bildschirm in der Werkshalle: Alle Aufträge laufen hier ein, einschließlich aller Informationen für die Fertigung. "Früher hatten wir für jeden Vorgang ein Hängeregister", sagt er. Heute lässt sich mehr und schneller produzieren. Dass er nun doppelt so viele Mitarbeiter beschäftige wie vor sechs Jahren und demnächst weiter expandieren will, habe auch damit zu tun.

Doch jedes Mal, wenn er in China Werkstoffe einkauft, registriert er, wie viel besser das Mobilfunknetz dort ausgebaut ist. "Auf jedem Feldweg voller Empfang", sagt er. Dass das in Deutschland bald ähnlich sein wird, mag er trotz der Versprechen im Koalitionsvertrag noch nicht recht glauben. "Zu wenig", glaubt er, ist das, was da vereinbart wurde.

Andere vermeintliche Streitthemen aber lassen den bedächtigen Niedersachsen eher kalt. Die Sache mit den befristeten Beschäftigungsverhältnissen zum Beispiel, die künftig auf Wunsch der Sozialdemokraten eingeschränkt werden sollen. "Ich meine", sagt er, "dass die SPD da gar nicht so schlecht liegt". Dass Lehrer beispielsweise immer wieder über die Sommerferien entlassen würden und dann wieder neu angestellt, das sei doch kein Zustand. Wenn da jetzt was passiert, ist es ihm recht.

Es geht auch ohne Zeitarbeit

Für ihn selbst ist das ohnehin kein Thema. Seine Mitarbeiter sind alle fest eingestellt. Und sein Bestreben ist es, sie möglichst lange in seiner Firma zu halten. Wenn Überstunden notwendig werden, bittet er seinen Produktionsleiter, mit den Mitarbeitern selbst einen Plan zu machen, wie der zusätzliche Arbeitsanfall bewältigt und später wieder ausgeglichen werden kann. Auf Zeitarbeiter verzichtet er. Bisher hat das geklappt.

Das eigentliche Problem, das sie hier oben auf dem Land haben, ist ohnehin nicht, wie man Mitarbeiter wieder los wird, sondern wie man sie bekommt. In dem kleinen Bücherbord in seinem Arbeitszimmer steht neben dem Reiseführer 101 Golfplätze und einem Dresscode-Ratgeber auch der Bestseller von Thilo Sarrazin Deutschland schafft sich ab, in dem der vor Zuwanderung warnt. Prox ist gleichwohl überzeugt: Ohne Migranten wird es nicht gehen. Im vergangenen Jahr musste er einen fünfstelligen Betrag für Stellenanzeigen ausgeben. "Jeder, der seine Leistung erbringt, kann bei mir arbeiten", sagt er. Die Nationalität sei da zweitrangig.

Politik betrachtet Prox gerne wie ein Unternehmen. Merkel ist für ihn deshalb eine "kompetente Führungskraft", die ihre Partner im Ausland so gut kennt wie er seine Lieferanten. Ein Vorzug, den sonst kein CDU-Politiker mitbringen kann, findet Prox. Ihre Eigenart, eher nicht auf den Tisch zu hauen, ist ihm ebenfalls nicht fremd. Auch er schläft lieber eine Nacht drüber, wenn es Probleme in der Firma gibt, statt gleich zu reagieren. "Am nächsten Tag ist man dann eher auf Konsens orientiert."