SPD-Politiker haben den Verzicht des Parteivorsitzenden Martin Schulz auf das Amt des Außenministers begrüßt. "Die Entscheidung von Martin Schulz verdient höchsten Respekt und Anerkennung", teilte die designierte Nachfolgerin an der Parteispitze, Andrea Nahles, mit. Mit Schulz an der Spitze habe die SPD einen großen Verhandlungserfolg erzielt. "Er selbst hat einen Durchbruch für eine neue Europapolitik erreicht. Das ist eine große Leistung, die weit über die Grenzen unseres Landes Anerkennung gefunden hat." Seine Entscheidung zeuge "von beachtlicher menschlicher Größe".

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zollte dem Parteichef Respekt. "Martin Schulz stellt das Gelingen einer guten Regierung vor Amt und Person. Davor muss man Respekt haben." Die SPD werde "an seinem Europa" arbeiten. "Martin hat sich geopfert", twitterte er. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) sagte, die Entscheidung von Schulz verdiene Respekt. "Es gab in den letzten Stunden enorme Kritik an der Basis für seine Entscheidung, ins Außenministerium zu gehen." Schulz nehme mit seinem Rückzug viel Druck von der Partei.

SPD-Vize Ralf Stegner nahm den noch-Vorsitzenden in Schutz. "Martin Schulz ist ein Außen- und Europa-Politiker aus dem Bilderbuch", sagte er der Welt. Schulz habe damit auch den Koalitionsvertrag entscheidend beeinflusst. "Das ist ein Vertrag, der dem Nationalismus die Stirn bietet und für ein soziales Europa kämpft. Martin Schulz pur." Laut Stegner wurde Schulz auch Opfer eines in der Politik üblichen Mechanismus': "Wenn’s gut läuft, waren es alle; wenn’s schlecht läuft, ist der Vorsitzende schuld." Auch der restliche Parteivorstand habe jedoch vor und nach der Wahl Fehler gemacht.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) teilte mit, der Schritt zeuge "von der höchsten politischen Tugend, nämlich persönliche Interessen hinter denen des Landes zurückzustellen". Die SPD müsse das letzte Jahr "genau und ehrlich aufarbeiten: den Wahlkampf, die Aufstellung innerhalb der Partei und auch die Art und Weise des Umgangs miteinander". Es wäre falsch, das Ergebnis der Bundestagswahl und den Schlingerkurs der SPD nach dem Abbruch der Jamaika-Verhandlungen "nur einer Person in die Schuhe zu schieben."

Die geschäftsführende Bundesarbeits- und Familienministerin, Katarina Barley (SPD), sagte der  Rheinischen Post, "sein Schritt, nicht ins Kabinett einzutreten, ist angesichts der massiven Kritik folgerichtig". Sie danke ihm, dass er in einer schweren Zeit für die SPD Verantwortung übernommen habe und sei froh, "dass wir jetzt wieder über politische Inhalte sprechen können und über die Dinge, die wir im Koalitionsvertrag durchgesetzt haben", sagte die SPD-Politikerin.

"Politischer Karneval"

Der nordrhein-westfälische SPD-Vorsitzende Michael Groschek sagte, Schulz leiste einen notwendigen Beitrag dazu, die Glaubwürdigkeit der SPD zu stärken. Die NRW-SPD soll maßgeblich zu der Entscheidung Schulz' beigetragen haben. Juso-Chef Kevin Kühnert, der seit Tagen die entbrannte Personaldebatte kritisiert, sprach von "politischem Karneval". Auch Kühnerts Vorgängerin bei den Jusos und SPD-Vorstandsmitglied Johanna Uekermann kritisierte die Parteispitze für die Entwicklung. "Sagt Bescheid, wenn dieser Männerzirkus vorbei ist. Ich hab's satt." Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) rief die Partei zu Besonnenheit auf. "Ich appelliere an alle, die zerstörerischen Personaldiskussionen sofort zu beenden", sagte der frühere SPD-Fraktionschef der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Der Sprecher des konservativen Parteiflügels, Johannes Kahrs, plädierte dafür, dass Sigmar Gabriel Außenminister bleiben solle. Das wiederum rief die Kritik seiner Genossen hervor. Sören Bartol, der wie Kahrs für die SPD im Bundestag sitzt, rief Kahrs dazu auf, sich auf Inhalte zu konzentrieren. Dem schloss sich der Sprecher der SPD-Linken im Bundestag, Matthias Miersch, an. "Wir sollten nun mit den Mitgliedern über die Inhalte des Koalitionsvertrages sprechen, sonst brauchen wir erst gar nicht über Ministerköpfe zu reden", sagte Miersch.

"Wir haben klar gesagt, dass wir NACH dem Mitgliedervotum über Personen reden. Martin hat jetzt eine für ihn sehr schmerzhafte Entscheidung getroffen. Hut ab dafür! Er hat es vor allem für die SPD getan", antwortete Bartol, der weder dem linken noch dem rechten Parteiflügel zugerechnet wird, auf den Tweet von Kahrs. Am Donnerstag hatte der geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel sich bei den Zeitungen der Funke Mediengruppe über den schlechten Kommunikationsstil in der Partei beschwert und Schulz persönlich angegriffen. Im Anschluss soll laut Medienberichten unter anderem der SPD-Landesverband von NRW Schulz zum Verzicht auf das Amt gedrängt.

Mitleid für Schulz von den Grünen

Die Reaktionen der anderen Parteien fielen naturgemäß gemischter aus. Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt bedauerte die Umstände des Rückzugs von Martin Schulz. "Menschlich kann einem das für alle Beteiligten nur leidtun", sagte sie. "Das ist eine besondere Art der Selbstgeißelung." Linksfraktionschefin Sahra Wagenknecht kritisierte die Umstände, unter denen Schulz die Entscheidung traf. "Es wäre besser gewesen, Schulz hätte diese richtige Entscheidung souverän selbst getroffen und nicht erst unter Druck. Der SPD wird dieser Schritt aber auch nicht viel helfen", sagte sie.

Unionsfraktionschef Volker Kauder äußerte die Hoffnung, dass nun etwas Ruhe in der SPD einkehren werde. "Ich hoffe, dass die Sozialdemokraten jetzt zur Ruhe kommen, damit letztlich eine stabile Regierung gebildet werden kann", sagt Kauder der Passauer Neuen Presse. "Vielleicht trägt die Entscheidung von Martin Schulz auch dazu bei, dass das Ergebnis für den Koalitionsvertrag bei deren Mitgliederentscheid klarer ausfällt." Die FDP-Fraktion im Bundestag hingegen sieht das Bündnis aus SPD und Union noch vor der Vereidigung zerfallen. "Die neue Große Koalition demontiert sich, noch bevor sie im Amt ist."