Am Freitagmittag um viertel nach zwei ist es vorbei. Mit einer schriftlichen Erklärung beendet Martin Schulz seine kurze Spitzenkarriere in der deutschen Sozialdemokratie. "Wir alle machen Politik für die Menschen in diesem Land. Dazu gehört, dass meine persönlichen Ambitionen hinter den Interessen der Partei zurückstehen müssen", teilt er mit.

Das Ausmaß der innerparteilichen Kritik an seiner Entscheidung, Außenminister im Kabinett von Angela Merkel werden zu wollen, hatte Schulz offenbar überrascht. Zuletzt verfolgte ihn ein heftiges Glaubwürdigkeitsproblem, zunehmend war auch an der SPD-Basis, die ihn einst den "Gottkanzler" nannte, von "Wortbruch" die Rede.

Warum? Schulz hatte am Tag nach der Bundestagswahl ausgeschlossen, Minister werden zu wollen. "Ja. Ganz klar, in eine Regierung von Angela Merkel werde ich nicht eintreten", sagte er damals in einer Pressekonferenz – allerdings erst auf mehrfache Nachfrage eines Journalisten und nach für ihn zunehmend peinlichen Denkpausen (zu sehen im Video hier).

Dass die SPD zu diesem Zeitpunkt klar auf Oppositionskurs und die Jamaika-Sondierungen noch nicht gescheitert waren, dass Schulz diesen Satz nicht wirklich freiwillig sagte: All diese möglichen Entschuldigungen reichten nun nicht mehr.

"Schulz war kurz davor, uns in den Abgrund zu führen"

"Viele unserer Mitglieder fanden es falsch, dass Schulz Außenminister werden wollte", sagt zum Beispiel die saarländische Vize-Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, die bis Mittwoch in Berlin an der großen Koalition mitverhandelt hat, ZEIT ONLINE: Wieder zu Hause im Saarland hätten sich binnen 48 Stunden "selbst eher strukturkonservative SPD-Mitglieder in E-Mails und Anrufen bei uns beschwert". Und das, wo die SPD-Mitglieder im Saarland zuletzt einer großen Koalition eher wohlgesonnen gegenüberstanden, ganz anders, als in anderen Landesverbänden. Der Rückzug von Schulz sei daher "für ihn persönlich bitter, aber notwendig, um den Erfolg beim Mitgliedervotum nicht zu gefährden", sagt Rehlinger. 

Die 460.000 Mitglieder der SPD dürfen in den kommenden Wochen über den ausgehandelten Koalitionsvertrag abstimmen. Die Gegnerinnen und Gegner einer großen Koalition sind gerade mächtig im Auftrieb. Ihr Argument unter anderem: Zuerst Opposition versprechen, dann große Koalition machen, zuerst einen Ministerposten ablehnen, dann Außenamtschef werden wollen: Bald wird uns niemand mehr etwas glauben. 

Und es war ja nicht nur das kleine Saarland, auch in Nordrhein-Westfalen, Hessen und in Bayern war die Stimmung schlecht. Das fiel binnen kürzester Zeit zurück auf Schulz, der seit Wochen sowieso schon kaum mehr Rückhalt in der eigenen Parteiführung hatte. "Schulz war kurz davor, die SPD in den Abgrund zu führen", zeigt sich ein Vertreter der Landesverbände überzeugt. Da half es auch nicht, dass Schulz noch am Mittwoch angekündigt hatte, ein Opfer zu bringen und den Parteivorsitz in die Hand von Fraktionschefin Andrea Nahles zu geben.

Politik als "dreckiges Geschäft"

Er musste weg – und das wurde Schulz in den vergangenen Stunden so wohl auch sehr deutlich intern gesagt. "Das ging jetzt schneller als gedacht", sagt ein Vorstandsmitglied zu seinem Abgang. Die brutalen Mechanismen des Politikbetriebs setzten im Anschluss schnell ein: Der Vorsitzende des mächtigen NRW-Landesverbands, Mike Groschek, brauchte nur wenige Minuten, um eine Pressemitteilung zu versenden, in der er von einem "notwendigen Beitrag zur Glaubwürdigkeit der SPD" spricht. Gerade Groschek soll hinter den Kulissen mächtig auf den Nordrhein-Westfalen Schulz eingeredet haben, seinen Traum vom Ministeramt aufzugeben.

Schulz ist abgetaucht, seine Unterstützer haben ihr Telefon abgeschaltet. "Er tut mir leid. So wie er sich abgerackert hat in den Koalitionsverhandlungen", sagt einer, der ihn zuletzt eher kritisch sah. Politik sei zuweilen ein "dreckiges Geschäft".

In der SPD-Spitze war am Freitag aber auch von einer bitteren "Fehde zweier Egomanen" die Rede, die da eskaliert sei. "Sagt Bescheid, wenn dieser Männerzirkus vorbei ist", twitterte das SPD-Präsidiumsmitglied Johanna Uekermann: "Ich habs satt."

Gemeint damit sind Schulz und seine Karrierepläne, aber auch Sigmar Gabriel. Nachdem Schulz angekündigt hatte, seinem Freund den Außenministerposten wegnehmen zu wollen, zeigte Gabriel sich tief verletzt. Zuerst sagte er am Donnerstag alle Termine ab, am Abend ging er dann mit einer Erklärung an die Presse, die es in sich hatte.

Er bedauere es sehr, dass "die öffentliche Wertschätzung meiner Arbeit der neuen SPD-Führung herzlich egal war", ließ Gabriel wissen. Und orakelte: Er sei traurig darüber, "wie wenig ein gegebenes Wort noch zählt". Das bezog sich darauf, dass Schulz Gabriel versprochen haben soll, ihm einen Ministerplatz in der neuen Bundesregierung zu sichern.