Martin Schulz steht am Mittwochabend neben der wuchtigen Willy-Brandt-Statue in der Berliner SPD-Zentrale und gibt den Parteivorsitz offiziell verloren. Es sei eine Ehre gewesen, als Kanzlerkandidat der SPD anzutreten, sagt Schulz. Im Wahlkampf habe er versucht "zu geben, was ich geben konnte". Auch nach der Niederlage habe er der SPD neue Kraft einflößen wollen. Doch er erliege eben auch keinen Illusionen: "Der Erwartungshaltung, die Partei zu erneuern, werde ich nicht gerecht."

Ob Schulz wirklich so freiwillig beiseite tritt, wie er sagt, ob die Übergabe an Fraktionschefin Andrea Nahles tatsächlich in so "vertrauensvollen" und "ruhigen" Gesprächen ablief, wie sie beteuert, wird noch zu klären sein. Doch ist Schulz ein selbstkritischer Mensch. Deshalb kann man ihm glauben, was er in dieser bemerkenswert offenen Pressekonferenz erzählt: Nämlich dass er, nach der Lektüre der Artikel der Journalisten über seine zuletzt zunehmend erratische Performance als SPD-Vorsitzender, selbst dachte: "Ist die Stelle, an der ich arbeite, die richtige?"

Schulz, das bestätigt er an diesem denkwürdigen Abend, will lieber Außenminister der neuen großen Koalition werden, die er acht Stunden zuvor in der CDU-Zentrale fertig verhandelt hat. Er lobt den Passus zur Europapolitik im Koalitionsvertrag. Es gebe viel zu tun in der EU, dem wolle er sich mit vollem Herzen widmen und daher auch nicht Vizekanzler sein. Ein Außenminister sei viel "außen" unterwegs, auf Reisen also. Und das Amt des Vizekanzlers sei eben eines des Koordinators der zuweilen kleinteiligen und paragrafenlastigen Innenpolitik. Es ist ein Metier, das Schulz, wenn er ehrlich zu sich ist, auch nie besonders gelegen hat.

Planspiele für eine Zukunft ohne ihn

Im Außenministerium kann Schulz hoffen, sich zu rehabilitieren, so wie es seinem Vorgänger Sigmar Gabriel gelungen ist. Die Aufgabe passt zu Schulz, der viele Sprachen beherrscht, den französischen Präsidenten Emmanuel Macron seinen "Freund" nennt und im Amt auf seine Erfahrungen als EU-Parlamentspräsident zurückgreifen und sich auf sein Herzensthema Europa konzentrieren kann. Aber die Gegner der großen Koalition könnten hier eben auch einen Beweis dafür sehen, dass es der SPD letztlich nur um Posten geht und nicht um die Partei. Schließlich hatte Schulz am Tag nach der Bundestagswahl ausgeschlossen, in eine Regierung unter Merkel einzutreten. Nun gilt er als wortbrüchig.

Solche Emotionen sind nicht ungefährlich im Moment: Die rund 460.000 Mitglieder der SPD dürfen in den kommenden Wochen noch ihr Veto gegen den Koalitionsvertrag einlegen. Und der Widerstand gegen ein erneutes Bündnis mit der Union ist groß. So groß, dass selbst die Parteiführung besorgt ist. "Gemeinsam" wolle man nun für eine Zustimmung kämpfen, sagt Nahles.

Das Gemeinsame gab es in der SPD zuletzt nicht mehr so oft. Schulz war schon in den Koalitionsverhandlungen von den eigenen Leuten marginalisiert worden. Selten war ein Vorsitzender, der über eine neue Regierungsbeteiligung seiner Partei verhandelt, so einsam. 

Seit einer Woche rang Schulz als Chefverhandler seiner Partei mit der Union um einen Koalitionsvertrag, zuletzt in der CDU-Zentrale 24 Stunden am Stück, oft im kleinen Kreis mit Kanzlerin Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer. Doch seine innerparteiliche Autorität war längst dahin. Der Chef wurde in dieser wichtigen Situation nicht gestärkt. Vielmehr liefen in der SPD im Hintergrund längst ganz offen die Planspiele für eine Zukunft ohne ihn. Schulz könne es nicht, war selbst aus der Parteispitze zu hören. Er sei schlecht vorbereitet, wurde gestreut. Die Union spreche lieber mit Fraktionschefin Nahles. Jemand, der Themen und Politiker nicht im Griff habe, dürfe keinesfalls Vizekanzler werden, hieß es.  

Schulz hat die Groko-Gegner großgemacht

Es sind bewegte Zeiten für die SPD, die es vielleicht wie keine andere Partei schafft, ihre Vorsitzenden hochzujubeln und dann fallenzulassen. Bis auf wenige Tage ist es genau ein Jahr her, dass Schulz an einem Winterabend unter der Brandt-Statue vor einer fröhlich versammelten SPD-Spitze zum neuen Hoffnungsträger der Sozialdemokratie gekürt wurde. Der langjährige und zuletzt ungeliebte Parteichef Gabriel trat beiseite, Schulz führte die Partei Anfang 2017 in eine kurze Euphoriephase, vom "Schulz-Zug" war die Rede. Wie sehr wir leuchten, dieses Lied der Band Gloria lief auf seinem Krönungsparteitag im März. Doch vom Glanz war schnell nicht mehr viel übrig.

Der Vorsitzende ist zweifellos mitverantwortlich für die äußerst schwierige Lage der Partei: Erst ein verpatzter Wahlkampf, dann der Oppositionskurs, den Schulz nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen – das ihn offenbar unvorbereitet traf – jäh beenden musste: Innerhalb kürzester Zeit wurde Schulz zum Verteidiger einer neuen großen Koalition, doch er wirkte bei seinen Auftritten zunehmend überfordert.

Auch wegen ihm besteht die Gefahr, dass die Gegner einer großen Koalition sich im nun anlaufenden Mitgliederentscheid durchsetzen. Weil sie die Emotionen aufgreifen, die Schulz bei der Nominierung zum SPD-Kanzlerkandidaten vor einem Jahr selbst geweckt hat: Dass Merkel der SPD die Themen wegsauge, die Partei kleinmache, und dass eine große Koalition daher auf keinen Fall zum Dauerzustand werden dürfe.