Nach drei Stunden fällt den Teilnehmenden des politischen Aschermittwochs der AfD in Sachsen auf, dass sich keine deutsche Flagge im Raum befindet. Für Egbert Ermer "Fauxpas" und unhaltbarer Zustand. Ermer ist Mitglied im Vorstand der AfD in der Sächsischen Schweiz/Osterzgebirge, südlich von Dresden, einst der Kreis von Frauke Petry. Und er ist Gastgeber des Politrituals der Parteien, das nun auch die AfD pflegt.

Für die Veranstaltung hat ein lokaler Solartechnik-Unternehmer mit Sympathie für die AfD seine Lagerhalle umgeräumt. Etwa 1.000 Menschen sind angereist, aus der Umgebung, aber auch aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen. Ein sumpfiger Acker dient als Parkplatz, über die Felder donnert Autobahnlärm herüber. Drinnen an den Bierzelttischen kommt auf sieben Männer im Schnitt eine Frau, an einer Theke fließt Pils in Halbliterkrüge. 

Ein Gast habe ihm schnell eine Flagge beschafft, sagt Ermer schließlich ins Mikrofon. Er schwenkt sie über die mit Wahlplakaten dekorierte Bühne. Das Programm kann weitergehen. Eine Blaskapelle aus dem Erzgebirge spielt ein Schunkellied, dann tritt der nächste Redner ans Pult. 

Konkurrenz zur Bundespartei

Der politische Aschermittwoch dient stets der Attacke auf den politischen Gegner. Und die AfD hat derer viele: die Kanzlerin, die Grünen, Migranten, den Islam, die FDP. Meistgeschmäht sind der "20-Prozent-Martin", "Pöbel-Ralle" Ralf Stegner von der SPD und das "Unterwäsche-Model" Christian Lindner. Horst Seehofer ist wahlweise "der Bayer ohne Eier" oder "Bayerns zahnloser Schmusetiger". So klingen politische Zoten, mit denen alle Parteien alljährlich die Fastenzeit einläuten. 

Doch der Aschermittwoch der AfD in Sachsen ist anders. Hier haben sich vier Landesverbände zusammengetan, die allesamt von nationalkonservativen und nationalistischen Funktionären dominiert werden. Es sprechen der jüngst zum Nachfolger von Frauke Petry gewählte Sachsen-Vorsitzende Jörg Urban und Andreas Kalbitz aus Brandenburg, politischer Ziehsohn von AfD-Bundeschef Alexander Gauland. Auch André Poggenburg aus Sachsen-Anhalt ist da und Björn Höcke aus Thüringen. Noch nie habe Höcke in einer Halle vor mehr Menschen geredet, sagt sein Sprecher. Hier am Fuße des Erzgebirges trifft sich die "neue starke mitteldeutsche Achse", wie Kalbitz es formuliert, Höcke spricht vom "bürgerbewegten Osten". Sie alle treten in Konkurrenz zur Bundesspitze, die ihren eigenen Aschermittwoch im bayerischen Osterhofen abhält. Jörg Meuthen spricht dort, der österreichische FPÖ-Politiker Harald Vilimsky ist sein Gast. 

Seit in Sachsen die Lücken geschlossen sind, die Petry und ihre Leute hinterließen, macht sich in der Ost-AfD neues Selbstbewusstsein breit. Ihre Bundestagsabgeordneten planen, eine "Landesgruppe Mitteldeutschland" zu gründen, wie der Abgeordnete Detlev Spangenberg sagt, der mit weiteren Parlamentskollegen auf einer Bierbank sitzt. Gemeinsam beginnt man hier, die Barrieren einzureißen, die Petry zu Pegida oder zur völkischen Identitären Bewegung errichten ließ. Keiner der Redner kommt ohne Lobeshymne auf die islamfeindliche Bewegung aus, Höcke preist sie als "den Tritt in den Hintern der Partei". Pegida-Cheforganisator Lutz Bachmann sitzt in der ersten Reihe und streamt die Veranstaltung ins Netz. Am Mittwochvormittag hatte Poggenburg den Bundeskonvent der AfD aufgefordert, den Abgrenzungsbeschluss zu Pegida zu kippen. Der Abgeordnete Spangenberg hält an seinem Antrag fest, die AfD auch für Ex-Mitglieder extremistischer Organisationen und Parteien zu öffnen. Der neurechte Publizist Jürgen Elsässer ist da, um ein Grußwort zu sprechen.

Gemeinsam senden die vier Landesverbände ein Signal an die oberste Parteiführung: Wir sind da. Wir verbünden uns. An uns kommt ihr nicht vorbei. Nach den Landtagswahlen 2019 wollen sie "die erste Landesregierung unter unserer Führung stellen", ruft Urban in die Halle. In Sachsen ist das rechnerisch denkbar, zur Bundestagswahl überrundete die AfD dort die CDU. Auch in Sachsen-Anhalt.

Menschenverachtende Reden

Bei den Reden wird irgendwann nicht mehr nur noch applaudiert. Ekstatisch reagieren die Zuhörer auf sämtliche Reizworte, die geliefert werden. Kalbitz will "nicht einen Zentimeter unseres Landes aufgeben". Die Menschen auf den Bänken brüllen "Widerstand, Widerstand". Als Urban von "Cannabis-Özdemir" spricht, skandiert es "Abschieben, Abschieben" aus Hunderten Kehlen. Dass der ehemalige Grünen-Chef, auf dessen Balkon mal Hanf wuchs, deutscher Staatsbürger ist, interessiert hier keinen. Poggenburg fordert wenig später gleich selbst die Abschiebung in Deutschland eingebürgerter Türken: Die "Kümmelhändler" und "Kameltreiber" sollten "zu den Lehmhütten und ihren Vielweibern zurück an den Bosporus". Die türkische Gemeinde in Deutschland prüft rechtliche Schritte.

Doch zwischen derlei Menschenverachtung platzieren die Redner, worum es ihnen eigentlich geht. Sie wollen nicht nur "ein Stück vom Kuchen", sondern "die ganze Bäckerei", wie Kalbitz formuliert. Nicht nur mitreden, sondern regieren. "Früher hatten wir das Recht zur Mitbestimmung, heute haben wir die Pflicht." Höcke spricht über Staatsmänner, die Politik im Sinne der Menschen machen sollten, die sie gewählt haben – also nicht für Migranten. "Wir sind das Volk", antworten die Besucherinnen und Besucher im Sprechchor. Dann versteigt sich Höcke zu der Feststellung, es falle ihm leichter, "Erich Honecker und Staatsmann zusammenzudenken", als Staatsmännisches in der führenden Bundespolitik zu entdecken. Diese "vaterlandslosen Gesellen" werde man "in die Produktion" zurückschicken, ruft Höcke. "Stasi in die Produktion" – das war in der DDR-Wendezeit ein Ruf der Demonstrierenden.

Bei vier Rednern an einem Aschermittwoch gehen irgendwann die Schenkelklopfer aus. Das "Unterwäsche-Model" Lindner hatte schon Meuthen in Osterhofen im Manuskript, auch den "Pöbel-Ralle". Höcke verlängert seine Rede, indem er einen Bierkrug in die Luft stemmt und den Bau von Autos mit Verbrennungsmotoren als Retter der deutschen Wirtschaft preist. Dann kommt er zur Kriminalitätsstatistik und schließlich zu einem 49-jährigen Syrer, der angeblich zwei Ehefrauen und 22 Kinder nach Deutschland nachholen durfte.

Viele Unterstützende in der Region

Der Sprecher der Organisatoren sagt, der AfD-Kreisverband hätte auch 5.000 Eintrittskarten verkaufen können, so groß sei die Nachfrage für Aschermittwoch gewesen. Die Blaskapelle, der Solarunternehmer, die Logistik – die AfD kann hier in Sachsen auf funktionierende Infrastruktur zugreifen, sie hat Unterstützende, Helfer, sie erstarkt. Anderswo halten Menschen ihre AfD-Mitgliedschaft geheim, aus Furcht vor beruflichen Nachteilen. In dieser Region in Sachsen aber ist es offenkundig opportun, in der AfD zu sein. 

Nach dem Aus für Petry und nach diesem Bundestagswahlergebnis wird Sachsen zum Schrittmacher, von dem die anderen Landesverbände lernen, wie man mobilisiert. Der neue Dauergast der AfD, Bachmann von Pegida, sichert der Partei den Rückhalt der Straße. Der Publizist Elsässer, sein neurechtes Netzwerk und sein Compact-Magazin bilden die Medienbasis. Die neue mitteldeutsche Achse ist gut geschmiert.