Als Steffen und Benita Kirsch sich ineinander verliebten, führte Angela Merkel gerade ihre erste große Koalition. Es war das Jahr 2007, in Berlin beschäftigte die Bankenkrise die Kanzlerin und ihren SPD-Finanzminister, bei den Jusos in Braunschweig kamen sich Steffen und Benita näher. Sie, eine zurückhaltende, aber bestimmte Frau mit langen, glatten Haaren, er ein Mann mit wachen blauen Augen: Sie diskutierten weniger darüber, ob das passt mit SPD und Union, sondern über globale Gerechtigkeit und große Visionen. Es war eine aufregende Zeit.

Jetzt, elf Jahre und drei Wahlen später, haben die beiden drei Kinder, sind verheiratet, ins nahe Wolfsburg gezogen und von den Jusos zur SPD gewechselt. Dass in Berlin ihre Partei gerade die dritte große Koalition unter Merkel eingeht, die dritte Koalition, seit sie sich kennen, finden Benita und Steffen Kirsch, 29 und 39 Jahre alt, schon in Ordnung. Die Kirschs sind eine Pro-Groko-Familie.

Ein Abend bei Familie Kirsch ist ein Besuch bei der politischen Mitte Deutschlands, eine Reise zu dem, was für viele Menschen Stabilität bedeutet. Das Wohnzimmer ist himmelblau angemalt, es hängen Kinderzeichnungen an der Wand. Unter dem Licht der tiefhängenden Esstischlampe futtern die siebenjährige Jula und der fünfjährige Jonte Kekse und lassen sich von ihrer Oma zeigen, wie man Buchstaben malt. Baby Jelda, drei Monate alt, schläft. Großvater Manfred reicht Früchtetee und Blätterteigtaschen.

"Politische Stabilität ist ein hohes Gut"

Steffen Kirschs Eltern Manfred und Carola Kirsch sind für das Gespräch aus Braunschweig angereist. Es soll um die SPD gehen, in der hier alle Mitglied sind. Alle vier stimmen beim Mitgliederentscheid für die große Koalition – aus Überzeugung, was in diesen Tagen, in denen so viel über die unzufriedene Basis  gesprochen wird, fast schon sensationell erscheint.

Steffen Kirsch begründet sein Abstimmungsverhalten ganz simpel: Er glaubt, dass der neue Koalitionsvertrag gut verhandelt ist, dass viel darin steht, wofür Genossen kämpfen sollten. In seinem Ortsverein war er lange der einzige, der das so sah. "Ich hab mir den Mund fusselig geredet", erzählt Kirsch: "Mensch, ihr habt doch auch was davon, wenn das Kindergeld erhöht wird und elf Milliarden in die Bildung gesteckt werden." Irgendwann habe sich der Ortsvereinsvorsitzende erhoben und gesagt: "Toll Steffen, wirklich. Du kämpfst wie ein Löwe. Aber wir wollen das nicht."

Mit der großen Koalition ist es so eine Glaubenssache in der SPD. Die parteiinternen Gegnerinnen und Gegner sind fest davon überzeugt, dass sie die Partei auffresse, ihrer Glaubwürdigkeit und am Ende ihrer Zukunft beraube. Steffen Kirsch macht sich auch Sorgen um seine Partei, so ist es ja nicht. Aber bei ihm ist der Glaube daran stärker, dass es Veränderung auch in kleinen Schritten geben kann. Was man hat, das hat man. "Es muss doch unser Anspruch sein, zu regieren, wenn wir in den Koalitionsverhandlungen so viel durchsetzen konnten", sagt er. 

Steffen Kirsch ist ein pflichtbewusster Mensch. Für ihn ist es selbstverständlich, Besucher vom Bahnhof abzuholen. Wer mit ihm an einem Werktag zum Telefonieren verabredet ist, bekommt eine E-Mail, dass er zwischen 9.00 und 11.45 Uhr nicht erreichbar ist. Steffen Kirsch möchte, dass man sich auf ihn verlassen kann. Und das erwartet er auch von anderen.

Klar, nach der Bundestagswahl wäre ihm die Opposition lieber gewesen. Aber dann scheiterten die Sondierungen für ein Jamaika-Bündnis und seitdem findet Steffen Kirsch, jetzt müsse sich Deutschland bei der Suche nach einer stabilen Regierung doch auf die SPD verlassen können. Mit dem Wunsch der Gegner der großen Koalition in seiner Partei nach einem lauten Nein, nach einem vermeintlich heilsamen Durchschütteln der politischen Verhältnisse kann er nichts anfangen.

Manchmal habe er das Gefühl, dass den Leuten die Prioritäten verloren gehen. "Die große Koalition sei langweilig, höre ich da", Kirsch schüttelt den Kopf, seine Tochter Jula auf dem Schoß. "Politische Stabilität ist ein hohes Gut. Das wird mir manchmal zu schnell weggeredet."

Großvater Manfred Kirsch hat ein Wort für die Gegner der großen Koalition, vor allem für die Gegenkampagne der Jusos: naiv. Den Vorsitzenden Kevin Kühnert nennt er nur "den hochbegabten Kevin" – mit einem gnädigen Schmunzeln. "Der ist halt gut, wenn es um allgemeine Forderungen geht. Aber was die politischen Folgen seiner Ideen betrifft, da verschätzt er sich." 

Neulich haben er und seine Genossen im Ortsverein Braunschweig Stöckheim-Leiferde einen der Jusos eingeladen, zur Diskussion. Aber der hat Großvater Kirsch enttäuscht. "Der erzählte was von neoliberaler Politik, die wir mit der Union an der Regierung gemacht hätten. Da sagte ich: Was denn für neoliberale Politik? Da sacht er: Na, den Mindestlohn, der hätte viel höher sein müssen." Manfred Kirsch ist es so leid, seiner Partei beim Lamentieren und Schrumpfen zuzuschauen. Wenn sie noch nicht mal mehr ihre größten Erfolge selbstbewusst vertreten kann, wie soll das nur weitergehen?