Am Freitagabend diskutiert ganz Deutschland über den Rückzug des SPD-Parteivorsitzenden – nur in dem Raum im Leipziger Süden, in dem Juso-Chef Kevin Kühnert für ein Nein zur großen Koalition wirbt, fällt der Name Martin Schulz nicht. Es dauert 30, 40 Minuten, bis Kühnert rhetorisch überhaupt in die Nähe kommt: Er glaube nicht, sagt er irgendwann, dass die SPD "mit dem Personal, das wir da an der Spitze haben, den Turnaround schafft". Grinsen im Publikum, das war's.

Kein Wort zu Schulz: Wie kann das sein? Wo doch von den Parteimitgliedern so viel Wut kam über die Ministerambitionen ihres Vorsitzenden, der versprochen hatte, keine Ambitionen zu haben?

Wie es dieser Basis geht, will Kevin Kühnert an diesem Abend wissen, an dem er mit Katja Pähle, der SPD-Fraktionsvorsitzenden im Landtag Sachsen-Anhalts, diskutiert. Sie soll als Kühnerts Konterpart für die große Koalition werben.

Der Raum, den die Leipziger Jusos dafür vorgesehen haben, ist voll. 80 Sitzplätze gibt es, insgesamt sind mehr als 150 Interessierte gekommen. Von draußen gucken Menschen mit Mützen durch die bodentiefen Fenster. Sie drücken ihre Ohrstöpsel in die Gehörgänge: Die Jusos streamen die Veranstaltung im Netz, so bekommen auch die Überzähligen draußen mit, was drinnen passiert. Zum Beispiel, wann die Gruppe weißhaariger Männer in der letzten Reihe entschieden nickt: Immer dann, wenn es sonst keiner tut. Etwa wenn Katja Pähle sagt: "Wenn wir jetzt nicht regieren, werden wir unsere Versprechen an die Wähler aus dem Wahlkampf brechen."

Kühnert findet: Die SPD habe viel versprochen im Wahlkampf, aber nicht, "dass wir um jeden Preis regieren". Er bekommt – das ist nicht überraschend auf einer Veranstaltung der Jusos, mehrheitlich besucht von Menschen zwischen 20 und 35 Jahren – oft langen Applaus für solche Sätze.

Aber der Erste, der sich zu Wort meldet, ist einer der grauhaarigen Herren. Er stellt sich so vor: Manfred Werske, 73 Jahre alt, seit 50 Jahren in der SPD, hat als junger Mann im Westen gegen den Nato-Doppelbeschluss gekämpft. "Wenn die SPD nach diesem Verhandlungsergebnis nicht in eine Koalition geht, mit dieser geschwächten Angela Merkel, dann wird sie für 25 Jahre verschwinden", sagt er. "Und selbst du mein lieber Kevin bist dann schon Rentner, bevor wir wieder regieren."

Es folgen Wortmeldungen von einem Facharbeiter, der Angst hat um die europäische Einheit, wenn die SPD der großen Koalition nicht zustimmt; einem Gewerkschafter, der von Kühnert wissen will, wann die SPD – regieren hin oder her – endlich wieder soziale Utopien erdenkt; einer Anwältin, die findet, dass mit dem Koalitionsvertrag die falsche neoliberale Politik der vergangenen Jahre weitergehen wird; ein Juso, der sich sorgt, eine eventuelle Minderheitsregierung in all ihrer Instabilität könne der AfD Auftrieb geben. Kurz also: viel Durchdachtes, wenig Krawall.

Es passiert etwas ziemlich Erstaunliches an diesem Abend in Leipzig: Journalisten hinter einer Phalanx aus Kameras warten nervös darauf, dass der Groko-Kritiker Kevin Kühnert auf das Hin und Her in Berlin reagiert und fragen sich, ob die Basis eher zum Team Schulz oder zum Team Gabriel gehört. Doch für die spielen solche Fragen gar keine Rolle. Wie hoch die Militärausgaben einer neuen Regierung sein könnten und was das viele "wir prüfen" und "wir wollen" aus dem Koalitionsvertrag in der Praxis bedeute – um so etwas geht es ihnen.