Verdacht ohne harten Beleg

Man sollte sich als Journalist schon sicher sein, wenn man einen Verdacht in die Welt setzt. Denn allein dadurch, dass man ihn ausspricht, unterstellt man, dass etwas dran sein könnte. Deshalb genügt es nicht, einen Vorwurf zu erheben und dann denjenigen zu Wort kommen zu lassen, gegen den sich der Verdacht richtet. Vielmehr braucht es starke Hinweise, dass sich der Vorwurf bestätigen könnte.

Die Bild-Zeitung schreibt an diesem Freitag auf der Titelseite in ihrem Aufmacher-Artikel von einer angeblichen "Schmutzkampagne bei der SPD". Ihr seien von einem anonymen Informanten Screenshots von E-Mails zugespielt worden. Aus diesen gehe hervor, dass sich der Vorsitzende der Jusos, Kevin Kühnert, mit einem Russen namens Juri darüber unterhalten habe, wie dieser Juri die Kampagne Kühnerts gegen eine neue große Koalition unterstützen könne. Dazu, so habe Juri angeboten, könne er mithilfe gefälschter Facebook-Accounts Stimmung gegen die Groko machen.

Der Sprecher des Juso-Bundesvorstands, Benjamin Köster, sagte ZEIT ONLINE, er könne nicht nachvollziehen, warum Bild den Artikel veröffentlicht habe. "Bei den angeblichen Mails von Kevin Kühnert handelt es sich um Fälschungen – und zwar um ziemlich plumpe", sagte Köster. Er wisse nicht, wer ein Interesse daran habe, solche Fälschungen in Umlauf zu bringen. Man habe Anzeige erstattet.

"Digitaler Nachsendeantrag"

Bild habe ihm einen Screenshot einer angeblichen Mail vorgelegt, die von einem Mailaccount mit der Kennung @jusos.de abgeschickt worden sein soll, sagte Köster. Doch hinter diesen Adressen stünden keine echten Mail-Postfächer. Sie dienten lediglich dazu, Mails von außen an andere E-Mail-Konten weiterzuleiten. "Es ist uns technisch überhaupt nicht möglich, E-Mails von den @jusos.de-Adressen zu senden. Dabei handelt es sich um starre Weiterleitungen des Mailservers der SPD. Empfangen ist also möglich, Senden nicht – es ist sozusagen ein digitaler Nachsendeantrag", sagte Köster.

Im Fall von Kühnert würden die E-Mails an an seinen @spd.de-Account weitergeleitet. "Hätte er also auf eine solche Mail geantwortet, müsste man diese Adresse im Screenshot sehen", sagte Köster. IT-Sicherheitsexperten im Willy-Brandt-Haus hätten bestätigt, dass es für Nutzer nicht möglich sei, von @jusos.de-Adressen aus Mails zu verschicken. Zu dieser Einschätzung kommt auch ein weiterer von ZEIT ONLINE befragter Fachmann, der mit dem IT-System der SPD vertraut ist.

Kühnert selbst wolle sich nicht weiter zu dem Bericht äußern, um das falsche Gerücht nicht noch aufzuwerten, sagte Köster.

Der Vorwurf ist umso heikler, da ein Screenshot einer E-Mail nichts beweist. Ein Abbild, das wie eine Mail aussieht, lässt sich mit jedem Textverarbeitungsprogramm herstellen. Nur die digitale Version lässt unter Umständen erkennen, woher eine Mail stammt. Bild berichtet, der Informant habe ihr Screenshots der angeblichen E-Mails geschickt. Weitere Belege werden in dem Artikel nicht genannt.

"Für die Echtheit der E-Mails gibt es keinen Beweis"

Wie unsicher sich die Bild-Zeitung ihrer Sache selbst ist, zeigt der letzte Satz des Artikels. Dort steht: "Für die Echtheit der E-Mails gibt es keinen Beweis." ZEIT ONLINE hat die Chefredaktion von Bild gebeten, ihre Beweggründe zu erläutern, warum die Zeitung trotz dieses Wissens über die angeblichen E-Mails berichtet und daraus eine Titelgeschichte gemacht hat. Ein Sprecher antwortete, man äußere sich grundsätzlich nicht zu redaktionellen Prozessen und Quellen.

Damit könnte man es bewenden lassen. Doch der Artikel erscheint in einer Zeit, in der Propaganda wieder zu einem alltäglichen Mittel der Politik geworden ist. Und er zeichnet ein Muster nach, das alle kennen. Da geht es um einen angeblichen Russen namens Juri aus St. Petersburg, der via Internet in die politische Debatte Deutschlands eingreifen will.

Tatsächlich versucht Russland seit Jahren, die Bundesregierung zu destabilisieren. Jedes Mittel scheint recht zu sein, Zweifel an der Fähigkeit von Angela Merkel zu streuen, ein Land zu führen.

Im Frühjahr 2015 wurde der Bundestag von Hackern angegriffen, die wohl im Auftrag des russischen Militärgeheimdienstes GRU handelten. Sie drangen tief in die Systeme ein und versuchten, Informationen aus den internen Netzen der Parlamentarier zu saugen. Die Daten sind bis heute nirgendwo veröffentlicht worden. Aber der Angriff belegte, mit welchem Aufwand und welcher Energie die russische Seite arbeitet. Im Bundesaußenministerium hieß es damals dazu, der Angriff sei so schwer gewesen, dass die Bundesregierung ihn nach internationalem Recht als kriegerischen Akt hätte werten können.

Klassische Propaganda: Verwirrung, Zuspitzung, Fälschung

Im Mai 2016 war die CDU das Ziel eines Hackerangriffs. Der Ursprung war wohl abermals Russland. Die Herkunft solcher digitalen Attacken kann nie mit Sicherheit bestimmt werden, es sind Indizien, die darauf deuten, keine Beweise.

Russland nutzt auch klassische Methoden der Propaganda: Verwirrung, Zuspitzung, Fälschung. Der russische Außenminister Sergej Lawrow warf Anfang 2016 deutschen Behörden Vertuschung vor – auf Basis eines Gerüchts, das sich kurz darauf als Unsinn herausstellte. Russische Medien hatten berichtet, in Berlin sei ein 13-jähriges russischstämmiges Mädchen von einer Gruppe Flüchtlinge vergewaltigt worden. Die Berliner Polizei hatte das dementiert. Das Mädchen tauchte kurz darauf wieder auf, es gab keine Vergewaltigung. Bis dahin aber waren zahllose Berichte in russischen Medien und im Netz erschienen, die von chaotischen Zuständen in Deutschland sprachen.

Das Ziel: Misstrauen gegen die Bundesregierung zu säen und gegen die deutsche Demokratie. Die Regierung sei überfordert, sie belüge ihre Bevölkerung, lautet die Propaganda. Deshalb beobachtet der Bundesnachrichtendienst schon seit Anfang 2016 verstärkt die Aktivitäten russischer Medien und Trollfabriken.

Was hat das alles mit der Titelgeschichte der Bild-Zeitung zu tun? Nichts und doch sehr viel. Nichts, weil es sicherlich keine bewusste Strategie der Bild ist, Russland in seiner Agitation gegen die Kanzlerin zu helfen und in seinem Bemühen, die Bürger hierzulande zu verunsichern. Viel, denn selbst wenn der anonyme Informant nichts mit Russland zu tun haben sollte, sät der Bericht Misstrauen und spielt jener Propaganda in die Hände.