Wie unsicher sich die Bild-Zeitung ihrer Sache selbst ist, zeigt der letzte Satz des Artikels. Dort steht: "Für die Echtheit der E-Mails gibt es keinen Beweis." ZEIT ONLINE hat die Chefredaktion von Bild gebeten, ihre Beweggründe zu erläutern, warum die Zeitung trotz dieses Wissens über die angeblichen E-Mails berichtet und daraus eine Titelgeschichte gemacht hat. Ein Sprecher antwortete, man äußere sich grundsätzlich nicht zu redaktionellen Prozessen und Quellen.

Damit könnte man es bewenden lassen. Doch der Artikel erscheint in einer Zeit, in der Propaganda wieder zu einem alltäglichen Mittel der Politik geworden ist. Und er zeichnet ein Muster nach, das alle kennen. Da geht es um einen angeblichen Russen namens Juri aus St. Petersburg, der via Internet in die politische Debatte Deutschlands eingreifen will.

Tatsächlich versucht Russland seit Jahren, die Bundesregierung zu destabilisieren. Jedes Mittel scheint recht zu sein, Zweifel an der Fähigkeit von Angela Merkel zu streuen, ein Land zu führen.

Im Frühjahr 2015 wurde der Bundestag von Hackern angegriffen, die wohl im Auftrag des russischen Militärgeheimdienstes GRU handelten. Sie drangen tief in die Systeme ein und versuchten, Informationen aus den internen Netzen der Parlamentarier zu saugen. Die Daten sind bis heute nirgendwo veröffentlicht worden. Aber der Angriff belegte, mit welchem Aufwand und welcher Energie die russische Seite arbeitet. Im Bundesaußenministerium hieß es damals dazu, der Angriff sei so schwer gewesen, dass die Bundesregierung ihn nach internationalem Recht als kriegerischen Akt hätte werten können.

Klassische Propaganda: Verwirrung, Zuspitzung, Fälschung

Im Mai 2016 war die CDU das Ziel eines Hackerangriffs. Der Ursprung war wohl abermals Russland. Die Herkunft solcher digitalen Attacken kann nie mit Sicherheit bestimmt werden, es sind Indizien, die darauf deuten, keine Beweise.

Russland nutzt auch klassische Methoden der Propaganda: Verwirrung, Zuspitzung, Fälschung. Der russische Außenminister Sergej Lawrow warf Anfang 2016 deutschen Behörden Vertuschung vor – auf Basis eines Gerüchts, das sich kurz darauf als Unsinn herausstellte. Russische Medien hatten berichtet, in Berlin sei ein 13-jähriges russischstämmiges Mädchen von einer Gruppe Flüchtlinge vergewaltigt worden. Die Berliner Polizei hatte das dementiert. Das Mädchen tauchte kurz darauf wieder auf, es gab keine Vergewaltigung. Bis dahin aber waren zahllose Berichte in russischen Medien und im Netz erschienen, die von chaotischen Zuständen in Deutschland sprachen.

Das Ziel: Misstrauen gegen die Bundesregierung zu säen und gegen die deutsche Demokratie. Die Regierung sei überfordert, sie belüge ihre Bevölkerung, lautet die Propaganda. Deshalb beobachtet der Bundesnachrichtendienst schon seit Anfang 2016 verstärkt die Aktivitäten russischer Medien und Trollfabriken.

Was hat das alles mit der Titelgeschichte der Bild-Zeitung zu tun? Nichts und doch sehr viel. Nichts, weil es sicherlich keine bewusste Strategie der Bild ist, Russland in seiner Agitation gegen die Kanzlerin zu helfen und in seinem Bemühen, die Bürger hierzulande zu verunsichern. Viel, denn selbst wenn der anonyme Informant nichts mit Russland zu tun haben sollte, sät der Bericht Misstrauen und spielt jener Propaganda in die Hände.