Einen ihrer Konferenzräume im Bundestag hat die AfD nach dem Jagdflieger Oswald Boelcke benannt. © Kai Biermann für ZEIT ONLINE

Wegen solcher Personalien muss keiner der AfD-Abgeordneten Ärger mit der Fraktionsspitze fürchten. Schließlich hatte Fraktionschef Gauland selbst zwei extrem rechte Kader als Hilfskräfte in seinem Bundestagsbüro angestellt.

Felix W. hatte Gauland aus dem Brandenburger Landtag mitgebracht. W. kommt aus einer neonazistischen Vereinigung, als Jugendlicher war er in der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend aktiv. Seit Januar arbeitet W. nicht mehr in Gaulands Büro. Allerdings nicht wegen seiner Vergangenheit. Er bewarb sich für eine Beamtenlaufbahn in Sachsen-Anhalt und arbeitet im Landesamt für Verbraucherschutz. Das Landesamt reagierte alarmiert. Nach Informationen von ZEIT ONLINE leitete die Behörde eine Prüfung ein, eine Entlassung W.s wird nicht ausgeschlossen.

Die Kritik an W. findet Gauland "absolut lächerlich", dessen HDJ-Kontakte seien für ihn "eine Jugendsünde". Er frage seine Mitarbeiter "bestimmt nicht, was sie in jungen Jahren gemacht haben", sagte Gauland. Was wohl bedeutet, dass er mit einer rechtsextremen Vergangenheit kein Problem hat.

Beleg für diese Haltung ist zudem, dass Gauland neben W. einen weiteren Vertreter der extrem rechten Szene eingestellt hat. Der junge Brandenburger Martin M. bewegte sich in der Berliner Neonaziszene. Später arbeitete er als Praktikant in der AfD-Landtagsfraktion in Potsdam, der Gauland damals vorstand. Mitstreitern aus der Fraktion fiel er dort mit extrem rechten Ansichten auf. Im Frühjahr 2016 dann wurde eine Person seines Namens von den Veranstaltern eines Neonazikonzerts in Thüringen als einer der Ordner angemeldet. M. bestreitet auf Nachfrage, beim "Rock für Identität" gewesen zu sein: "Ich war weder als Ordner noch als Gast bei einem Rechtsrockkonzert in Hildburghausen zugegen."

"Rettungsboot der Rechtsextremen"

Für die AfD-Fraktionen sei es gar nicht so leicht, geeignete Bewerber für die vielen bezahlten Jobs zu finden, berichtet ein ehemaliger AfD-Politiker, der für die Personalgewinnung zuständig war. "Es gab viele schlechte Bewerbungen", sagt er. Vor allem bei Fachreferenten habe es große Rekrutierungsprobleme gegeben. Die wenigen Bewerbungen seien zum erheblichen Teil aus radikalen Studentenverbindungen gekommen. "Das ist sicherlich kein Zufall", sagt er. Die Verbindungen versuchten ganz gezielt, sich Einfluss in der AfD zu sichern.

In der AfD wiederum gebe es längst keine ernsthaften Bemühungen mehr, sich vom rechtsextremen Spektrum abzugrenzen, sagt der frühere AfD-Politiker. Das nutze die rechte Szene aus. "Die AfD ist das Rettungsboot der Rechtsextremen." Nachdem die NPD in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sei, klammerten sie sich an die AfD. Mitglieder, die den Parlamentarismus verachteten, seien allgegenwärtig geworden in der Partei. "Die kriegt man da auch nicht mehr raus, denn sie haben sonst keine Chance mehr auf eine politische Heimat."

Einigen der neuen Mitarbeiter scheint zudem ihre Rolle nicht klar zu sein. "Manche der Bewerber sind verhinderte Politiker", sagte der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion, Jürgen Braun, ZEIT ONLINE. Ihnen sei erst spät klar geworden, dass sie hier für Abgeordnete arbeiten und nicht eigene Agenden verfolgen könnten: "Da ist es gut, wenn man das vorher merkt."

Extrem rechte Burschenschaften

Dass dabei so viel scheinbar übersehen wurde, zeigt, wie eng AfD und extrem rechte Gruppen inzwischen verstrickt sind. Zum Beispiel in Berlin und Brandenburg. Jörg S., Joel B. und Hao H. sind Mitglieder der AfD und der schlagenden Burschenschaft Gothia, die zum nationalistischen Dachverband Deutsche Burschenschaft gehört. Die drei haben sich außerdem an Aktionen oder Demonstrationen der Identitären beteiligt. Zwei von ihnen arbeiten nun für den Bundestagsabgeordneten Frank Pasemann, der dritte für den bayerischen AfD-Politiker Stephan Protschka.

Auch andere Bundestagsmitarbeiter bewegen sich in diesem Netzwerk. Zum Beispiel Anna L., die ebenfalls im Büro von Steffen Kotré angestellt ist. Sie ist stellvertretende Landesvorsitzende der Jungen Alternative Brandenburg. Auf einem Foto, das sie selbst auf ihrem Facebook-Profil präsentiert, ist sie zusammen mit zwei anderen jungen Frauen in den Räumen der Gothia zu sehen. Ein weiteres Bild zeigt L. zusammen mit mehreren Burschenschaftern und Identitären während eines Grillfests der Gothia im Frühjahr 2017.

Oder John H. Der Burschenschafter der Germania Köln ist Aktivist bei der neurechten Initiative Ein Prozent. Er hat bereits Erfahrungen als Mitarbeiter der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt gesammelt, nun arbeitet er ebenfalls für Pasemann.