Mit Müh und Not rettete sich der alte Kanzler Konrad Adenauer noch einmal in eine neue Koalition – was viele Beobachter ja auch heute über Angela Merkel sagen. Wie das endet? Vielleicht hilft tatsächlich ein Blick in die Geschichte.

Nach den großen Verlusten in den Bundestagswahlen vom 17. September 1961 schien Adenauer politisch so gut wie erledigt zu sein. Dennoch konnte er sich während der folgenden, denkbar dramatischen Koalitionsverhandlungen noch einmal behaupten. Gerissen spielte er eine Garde jüngerer Unionspolitiker an die Wand. Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, Wirtschaftsminister Ludwig Erhard und Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier hatten sich Hoffnungen auf das Kanzleramt gemacht, weil die FDP zwar mit der Union koalieren wollte, jedoch frei nach dem Motto "Adenauer muss weg" um Stimmen geworben hatte. Am Ende fiel FDP-Chef Erich Mende zwar um, ging aber persönlich (wie jetzt Andrea Nahles) nicht ins Kabinett.

Adenauers Erfolg war von kurzer Dauer. Seine letzte Amtszeit wurde zur Qual, überschattet von einem politischen Supergau, der sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat: In der Spiegel-Affäre 1962 schrammte die junge BRD haarscharf an einer Staatskrise vorbei. Strauß, der die illegale Verhaftung eines Redakteurs aktiv betrieben hatte, belog den Bundestag; Adenauer verteidigte ihn in der tumultuösen Sitzung mit den legendären Worten: "Wir haben einen Abgrund von Landesverrat." Eine empörte Öffentlichkeit wertete dies als Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie. Weil der zuständige FDP-Justizminister im Dunkeln gelassen worden war, zerbrach die Koalition. Adenauer musste seinen Rücktritt zum Oktober 1963 versprechen. Auch zeigte sich in der Spiegel-Krise, dass Adenauer nicht nur fragwürdige Methoden deckte, sondern außenpolitisch gestrig agierte. Der Gegenstand des inkriminierten Spiegel-Artikels war ein Streit um die Neuausrichtung der Nato-Strategie gewesen. Dieser verweigerte sich der halsstarrige Greis Adenauer, und setzte so das Einvernehmen mit den USA und deren jugendlichem Präsidenten Kennedy aufs Spiel.

Vereidigung - »Dem Wohle des deutschen Volkes« Zum vierten Mal wird Angela Merkel Bundeskanzlerin. Eine Rückschau ihrer vier Vereidigungen © Foto: Kai Pfaffenbach / Reuters

Schmidt bewies zumindest Haltung

Kein Kanzler ist seither glücklich aus dem Amt geschieden, nur zwei von sieben haben ihre letzte Amtszeit überhaupt regulär zu Ende gebracht; keiner hat in seiner letzten Periode noch bedeutende inhaltliche Akzente gesetzt. In der Regel war es ein mehr oder weniger unschöner Abschied auf Raten, überschattet von Diadochenkämpfen und politischem Stillstand. Auch Erhard wurde trotz seines beachtlichen Wahlerfolgs 1965 unter kräftiger Mithilfe sogenannter Parteifreunde harsch demontiert, weil ausgerechnet er, der "Vater des Wirtschaftswunders", das Pech hatte, dass in seine zweite Amtszeit die erste Rezession seit den frühen 1950er-Jahren fiel. Da er es sich gleichzeitig mit dem französischen Präsidenten de Gaulle und US-Präsident Johnson verscherzte, stand er als innen- und außenpolitischer Versager da. Weder konnte er als "Atlantiker" liefern, noch punktete er als Wirtschaftsreformer.

Besonders drastisch wirkt der taumelnde Abstieg von Willy Brandt nach dessen historischem Triumph in den "Willy"-Wahlen 1972. Er hatte die SPD zu ihrem größten Sieg geführt, doch zwei Jahre später war er erledigt. Der Friedensnobelpreisträger und Architekt der Ostpolitik hatte zu Beginn seiner zweiten Amtsperiode seine beste Zeit hinter sich. In der Nahostkrise fand er kein Rezept, der Erdölpreisschock 1973 führte zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosenzahlen, die Spielräume für Reformen schwanden. Nicht mehr Visionen waren gefragt, sondern Pragmatismus. Das verkörperte Helmut Schmidt. Als in Brandts direktem Umfeld ein DDR-Spion enttarnt wurde, nutzte der ausgelaugte und zunehmend depressive Kanzler, Suizidgedanken keineswegs fern, den Anlass zum Rücktritt. Der mächtige Fraktionsvorsitzende und "Zuchtmeister" der SPD, Herbert Wehner, hatte ihn in der entscheidenden Sitzung nicht zum Bleiben ermuntert, sondern nur vielsagend an seiner Pfeife gezogen. Brandt nahm die politische Verantwortung auf sich, kam einer publizistischen Hetzjagd zuvor. Im Rücktritt zeigte er Größe und hat sich nicht, wie Adenauer oder Erhard, an die Macht geklammert.

Auch Schmidt blieb es verwehrt, nach sechs Jahren erfolgreichen Krisenmanagements am Ende noch Akzente zu setzen. Der Weltökonom und Kämpfer gegen den Terrorismus gewann 1980 klar gegen den barocken Bayern Franz Josef Strauß. Doch sein Mandat war schwach. In der wieder neu aufgelegten sozialliberalen Koalition knirschte es von Anfang an. Schmidt hatte 1979 den Nato-Doppelbeschluss durchgekämpft, doch nun brachen große Teile seiner eigenen Partei in dieser kritischen außenpolitischen Frage weg. Viele SPD-Mitglieder standen aufseiten einer mächtigen Friedensbewegung, die sich gegen die Nachrüstung formierte. Auch wirtschaftspolitisch war die sozialliberale Koalition erschöpft. Im Herbst 1982 ging es zu Ende. Schmidt bewies Haltung, sah dem Unvermeidlichen tapfer ins Auge und wurde von Helmut Kohl durch ein konstruktives Misstrauensvotum abgelöst.