"Doris", ruft Gerfried Scholtz durch den Hausflur, "Doris komm, dein Besuch ist da!" Seine Frau Doris Jansen kommt in die Diele gestochen, die Hand zum Gruß ausgestreckt, 67 Jahre alt, kurze Haare, blauer Blazer, roter Lippenstift. Sie bittet ins Wohnzimmer, wo sie rasch noch den Fernseher ausschaltet und eine Decke über das beigefarbene Ecksofa wirft, wegen eines Kaffeeflecks.  

Doris Jansen wohnt in einem Reihenhaus mit Backsteinfassade in Mönchengladbach-Heyden. Die Stadt am Niederrhein ist politisch traditionell tiefschwarz, so auch die Familie Jansen. Und gerade heute, findet Jansen, leiste die CDU doch wieder saubere Arbeit.

Um die Ecke ist sie aufgewachsen, in einer mittelständischen Familie. Der Vater war Maler, das Haus katholisch. Die CDU sei deshalb immer ihre Partei gewesen. 1988 ist sie eingetreten. Warum, fragte der damalige Kreisvorsitzende. "Wenn man etwas bewegen will, dann muss man Flagge zeigen", antwortete Jansen.

Vor allem Arbeitnehmerrechte trieben die junge Frau an. Einige Jahre vor ihrer Mitgliedschaft in der Union hatte sie sich bereits dem Sozialflügel der CDU angeschlossen, der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA). Die Vereinigung war aus der christlich-sozialen Bewegung des 19. Jahrhunderts hervorgegangen, die gegen Ausbeutung, Armut und Chancenlosigkeit im Frühkapitalismus vorging. Ihre Devise lautete aber nicht Klassenkampf, sondern Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Wertekonservatismus statt Sozialromantik

Das passt auch zu Jansen, die hauptberuflich fast 30 Jahre als Personalratsvorsitzende an der Hochschule Niederrhein für die Rechte der Angestellten kämpfte. Die gelernte Kauffrau weiß nämlich, wie es ist, wenn man beruflich plötzlich vor dem Nichts steht. Zweimal war sie arbeitslos. Die Textilbranche, von der ihre Gegend lange lebte, war nach und nach zusammengebrochen.

So gesehen wäre Jansen klassisches SPD-Klientel, und tatsächlich hatte sie immer Sympathien für die SPD, hat sie sogar einmal gewählt. Heimisch fühlte sie sich aber nie unter den Genossen. Wertekonservatismus, Konstanz und Christlichkeit waren ihr am Ende wichtiger als die Sozialromantik der Roten. Ohnehin sei die CDU viel sozialer, als mancher denke. Der Mindestlohn etwa habe immer zur Agenda des Arbeitnehmerflügels CDA gehört und sei von der SPD übernommen worden. Außerdem sei die soziale Marktwirtschaft das "ureigene Ding der CDU". Inzwischen engagiert sich Jansen als stellvertretende Vorsitzende des CDU-Kreisverbands, ist im Integrationsrat und im Sozialausschuss.

Doris Jansen und Gerfried Scholtz © Marcus Simaitis für ZEIT ONLINE

Am Wochenende war die Pensionärin mit ihrem Mann, der ebenfalls seit Jahrzehnten CDU-Mitglied ist, zum Parteitag nach Berlin gereist. Als Delegierte stimmte sie über den Koalitionsvertrag ab. "Ich habe Ja gesagt", erzählt sie, öffnet ein silberfarbenes Etui und zündet sich eine Zigarette an. Angela Merkel habe sie wieder einmal überrascht. Den Chefkritiker Jens Spahn mit dem Posten des Gesundheitsministers zu bedenken und Annegret Kramp-Karrenbauer zur Generalsekretärin zu machen – das sei "eine typische Merkel" gewesen, ein "genialer Schachzug".

Noch mehr begeistert aber habe sie die Rede von Kramp-Karrenbauer, mit der man nun endlich die "rechtmäßige Kronprinzessin" habe, wie Jansen sie nennt. "So jemanden hatten wir lange nicht mehr. Das war Abteilung Attacke mit Niveau und Gänsehautfeeling", sagt sie und bläst Zigarettendunst aus ihrem Mund. "Sie hat mich tatsächlich an Heiner Geißler erinnert."

Aus dem Hintergrund meldet sich Gatte Gerfried, der ebenfalls an einer Zigarette zieht. "Wir im  Gästeblock haben nach der Rede gesagt: A star was born." Geißler war von 1977 bis 1989 Generalsekretär der CDU und wurde über Parteigrenzen hinweg als Kämpfer, Mahner und Kritiker geschätzt und gefürchtet.