Zersprungene Scheiben, vom Ruß geschwärzte Wände, verbranntes Mobiliar. Seit der Nacht zum Sonntag ist die Koca-Sinan-Moschee in Berlin nur noch schwarz und dunkel, der Geruch von Verbranntem hängt in jeder Faser des Gebäudes. "Hier ist einer der beiden Molotowcocktails gelandet", sagt Bilal Demirer und zeigt auf eine besonders ausgebrannte, runde Stelle im Eingangsbereich.

Laut Augenzeugen warfen drei Jugendliche Brandsätze durch die Scheiben, die Flammen zerstörten Sessel, Teppiche, Koranbücher. Demirer, 24, trägt eine orange Warnweste, als er am Montag Gemeindemitglieder und Nachbarn durch die zerstörten Räume führt. Er ist Jugendverbandsvorsitzender von Ditib in Berlin, das angegriffene Gotteshaus gehört zu dem türkischen Moscheeverband. In der Küche steht noch eine angekokelte Zuckerpackung, daneben eine verrußte Teekanne, rundherum Bretter von zerstörten Regalen.

Der Anschlag auf die Moschee in Berlin war nur einer von mehreren an diesem Wochenende. Am Freitag warfen Unbekannte in Lauffen in Baden-Württemberg Brandsätze in eine Moschee. Der Imam befand sich währenddessen im Gebäude, er blieb aber unverletzt und konnte das Feuer löschen. Nahezu gleichzeitig mit der Moschee in Berlin brannte es auch im Haus eines türkischen Vereins im nordrhein-westfälischen Meschede. Wenig später schlugen Unbekannte die Fenster einer Moschee in Itzehoe, Schleswig-Holstein, ein und legten in einem türkischen Gemüseladen Feuer. Ein Passant klingelte die Bewohner über dem Geschäft wach, durch seine Hilfe blieben alle unverletzt. In der Nacht zum Montag zündeten Brandsätze an der Wand eines türkischen Kulturzentrums in Ahlen und in einem davor abgestellten Auto.

Sechs Anschläge innerhalb weniger Tage: Das Unwohlsein in der deutschtürkischen Bevölkerung wächst. Von Angst aber wollen viele nicht sprechen, zumindest nicht hier in Berlin vor der Koca-Sinan-Moschee. Nicht immer klappt das, ein junger Vater erzählt, dass sein Sohn in diesem Gebäude bald mit der Koranschule beginnen sollte, jetzt mache er sich Sorgen um ihn und seine anderen Kinder. Er wohne schon sein Leben lang hier im Stadtteil Reinickendorf, jetzt fühle er sich zum ersten Mal unsicher, sagt er.

Bei den meisten Gemeindemitgliedern in Berlin überwiegen allerdings Trauer, Wut und Trotz. Über hundert von ihnen sind auch am zweiten Tag nach dem Angriff gekommen. Mit Schirmen stehen sie im strömenden Regen vor der Moschee, um die ein Bauzaun aufgestellt wurde, oder im Innenhof. Die Tropfen waschen den Löschschaum von den Straßen, in der Nacht zum Sonntag sah es noch aus, als läge Schnee auf der Straße. 300 kamen dann am Sonntag – mehr als zur Gemeinde gehören. Auch am Montag wollen sich noch viele neugierige und schockierte Besucher von Demirer durch die Räume führen lassen. Die restlichen Brandspuren lassen sich nicht wegwaschen, die wird man noch lange sehen.

Seit Jahren steigt die Gewalt gegen Moscheen: 2010 waren es 23 Angriffe, 2017 schon 73, das geht aus den Daten zu politisch motivierten Straftaten des Bundeskriminalamtes hervor. Durchschnittlich bedeutet das: Jede Woche mindestens ein Angriff. 416 Taten waren es zwischen Anfang 2011 und März 2016. Nicht alle davon sind Brandanschläge, von hasserfüllter Bedrohung über Sachbeschädigung bis Körperverletzung zählt alles dazu. Nicht eingeschlossen sind jene Angriffe, die sich gegen islamische Einrichtungen allgemein richten, also Moscheevereine oder Treffpunkte wie in Meschede. Islamfeindliche Straftaten zählte das Innenministerium 2017 über 950. Es war das erste Jahr, in dem sie gesondert erfasst wurden – und die Zahl belegt, wie überfällig die Kategorie war. Oft wurden die Taten von Deutschen verübt, oft von rechts: Allein 40 der 73 Angriffe auf Moscheen im vergangenen Jahr ordnete das Bundeskriminalamt rechts motivierten Tätern zu.

Diesmal könnte das aber anders sein.

Die Frage, wer die Anschläge am Wochenende verübt hat, schwebt über den Besuchern der ausgebrannten Moschee. Sie schreiben in das Kondolenzbuch, legen Tulpen und Narzissen ab. "Ich bin bestürzt über den Hass", schreibt eine Frau mit beigem Kopftuch und Tränen in den Augen, und: "Diese Personen sind keine Menschen für mich." Die Hälfte der Blätter ist schon nach ein paar Stunden gefüllt. Sie verstehe nicht, wie jemand ein Gotteshaus angreifen kann, sagt die Besucherin. Verantworten kann, dass Koranausgaben darin verbrennen. Das können doch keine Gläubigen gewesen sein, fragt sie – oder doch?