Bernd Fabritius ist der designierte Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Seit 2014 ist er Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV).

ZEIT ONLINE: Herr Fabritius, Sie selbst sind Siebenbürger Sachse und Spätaussiedler aus Rumänien. Was bedeutet Heimat für Sie?

Bernd Fabritius: Heimat? Das ist mehr als nur ein geografischer Ort, es ist ein Gefühl, das man im Herzen trägt. Es ist das Umfeld, in dem man sein darf, wie man ist. Die meisten Spätaussiedler und Vertriebenen empfinden eine große Sehnsucht nach Heimat. Egal ob in Rumänien, Tschechien oder Polen, diese Länder waren nach dem Zweiten Weltkrieg ihren eigenen Staatsbürgern gegenüber feindlich eingestellt, weil sie ethnisch Deutsche waren. Diese Ablehnung habe ich in meiner Jugend in Rumänien am eigenen Leibe erfahren. Auf der Straße konnte man nicht deutsch sprechen, ohne angefeindet zu werden, meine Konfession war eine andere, als die der orthodoxen Mehrheit. Man musste einen Teil der eigenen Identität verstecken. Heimat ist für mich deshalb vor allem auch ein Gefühl von Akzeptanz.

ZEIT ONLINE: Den Heimatvertriebenen und Landsmannschaften wird nachgesagt, sie seien rechtskonservativ. Woher kommt das?

Fabritius: Es kommt ein bisschen daher, dass man Heimat und Identität als Werte immer in ein konservatives Eck gestellt hat. Aber das ist falsch. Das Bedürfnis nach "Heimat" in der gesamten inhaltlichen Bandbreite dieses Begriffes ist Realität in unserer Gesellschaft. Das Heimatministerium ist der Beweis dafür, dass die Spitzenpolitiker der großen Parteien das erkannt haben.

ZEIT ONLINE: Ist es gut, dass Heimat, durch die Leitkultur-Debatte und das neue Ministerium, nun vor allem ein politischer Begriff ist?

Fabritius: Es ist gut, den Begriff endlich positiv zu besetzen. Das kann auch bei der Integration helfen. Ich bin davon überzeugt, dass Flüchtlinge und Vertriebene, die heute zu uns kommen, auch ein Bedürfnis nach Heimat haben. Zuallererst nach ihrer ursprünglichen Heimat, aber sie sollen auch in Deutschland eine neue Heimat finden können. Ich habe schon sehr früh zu Empathie mit Flüchtlingen aufgerufen, sie müssen in Deutschland an unserer Gesellschaft teilnehmen können, sie müssen dazu aber auch bereit sein.

ZEIT ONLINE: Warum gibt es momentan so ein starkes Bedürfnis in Politik und Gesellschaft, über Heimat zu sprechen?

Fabritius: Es ist natürlich kein neues Thema, aber seit 2015 hat es neue Relevanz bekommen. Mit dem Zuzug von vielen Menschen nach Deutschland, die ihre Heimat verloren haben und unter der Situation leiden. Diese Menschen sind entwurzelt und dürfen nicht alleingelassen werden. Andersherum haben manche Menschen in Deutschland das Gefühl, dass die eigene Heimat, also das gewohnte und emotionale Sicherheit bietende Umfeld, in Gefahr sei. Sie erzählen, dass sie kaum noch Deutsch hören, wenn sie U-Bahn fahren. Dieses Gefühl der Entfremdung geben die realen Zahlen vielleicht gar nicht her, aber trotzdem müssen wir diese Sorgen ernst nehmen und uns darum kümmern, dass es nicht so weit kommt. Als Präsident des BdV bin ich deshalb immer auch für eine Begrenzung der Zuwanderung eingetreten. Auch für Flüchtlinge gibt es kein Wahlrecht des Zufluchtsortes, gerechte Verteilung ist ein Beitrag zur besseren Akzeptanz und Integration.

"Auf Dauer wird die AfD nichts liefern können"

ZEIT ONLINE: Ihr Vorgänger Hartmut Koschyk hat die Sorge geäußert, dass man die Belange der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen zu sehr der AfD überlässt. Hat er recht?

Fabritius: Nein. Die Union hat die Anliegen der Spätaussiedler schon immer als "unsere Anwältin" verteidigt, wo es nur ging. Viele vergessen das im Einzelnen. Ich habe jedenfalls nicht die Absicht, diesen Einsatz anderen zu überlassen, die nur so tun, als ob sie für uns kämpfen. Die AfD wirbt in einer extrem populistischen Weise um die Heimatvertriebenen. Gerade die Deutschen aus Russland haben subjektiv das Empfinden, dass sie in Deutschland nicht die gleiche Willkommenskultur erleben, wie man sie den Flüchtlingen entgegengebracht hat. Die AfD vermittelt diesen Menschen den falschen Eindruck, dass sie die einzige Partei sei, die sie tatsächlich akzeptiert und sie als Landsleute in Deutschland willkommen heißt.

ZEIT ONLINE: Was wollen Sie dem entgegensetzen?

Fabritius: Ich erkenne nicht, dass sich die AfD wirklich für die Belange der Vertriebenen einsetzt. Ganz im Gegenteil – ich kann jeden Heimatvertriebenen und jeden Spätaussiedler nur bitten, genau hinzuschauen, und davor warnen, die AfD zu unterstützen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Fabritius: Die AfD fordert so etwas wie die "Staatsangehörigkeit auf Probe", davon wären auch Spätaussiedler betroffen: In den ersten zehn Jahren hätte der Staat die Möglichkeit, ihnen die Staatsangehörigkeit wieder zu entziehen, wenn jemand straffällig wird. Spätaussiedler werden damit Bürger zweiter Klasse.

ZEIT ONLINE: Dennoch haben überdurchschnittlich viele Russlanddeutsche die AfD gewählt, viele davon hat die Union an die AfD verloren. Warum?

Fabritius: Ich glaube, die meisten Spätaussiedler haben aus Protest die AfD gewählt und nicht genau geschaut, was hinter den Kulissen vorgeht und wofür diese AfD wirklich steht. Wir müssen die hoch demagogische Strategie der AfD entlarven, das geht vor allem durch Aufklärung. Viele Aussiedler finden es zum Beispiel ungerecht, dass sie beim Aufnahmeverfahren mit Sprachtests drangsaliert werden und die Flüchtlinge einfach so reingelassen wurden. Man muss diesen Menschen erklären, dass sie auch gleich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, also einen ganz anderen Status bekommen, als ein Flüchtling. Solche Dinge werde ich als Aussiedlerbeauftragter immer wieder ansprechen und klarstellen. Die AfD wurde von den meisten Menschen nicht wegen ihrer politischen Inhalte gewählt. Wenn ich diese Wähler abziehe, ist die AfD kein so großes politisches Phänomen mehr, um das ich mir Sorgen machen müsste. Auf Dauer wird sie nichts liefern können – und daran werden auch Spätaussiedler sie messen.