Es ist eine Gratwanderung, aber sie gelingt. "Hören Sie mir mal zu, dann können Sie nämlich noch was lernen über die Verfassung", ruft Philipp Amthor der AfD vom Rednerpult im Bundestag aus zu. Der 25-jährige CDUler mit der kleinen Deutschlandfahne am Revers soll erklären, warum die CDU dem Antrag der AfD für ein Burkaverbot im öffentlichen Raum nicht zustimmen kann – obwohl sie die Vollverschleierung selbst kritisch sieht. "Überall dort, wo der politische Islam versucht, unsere offene Lebensweise zu beschränken, da werden wir ihm die Härte des Rechtsstaats entgegenhalten", wettert Amthor. Aber der AfD-Antrag strotze nur so vor Fehlern. "Sie haben nicht mal das Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes gelesen, wo drin steht, dass Ihr Entwurf verfassungswidrig ist", wirft er der AfD vor.

Amthor – meist im blauen Anzug und mit Seitenscheitel unterwegs – ist der jüngste Abgeordnete der Unionsfraktion, die Rede ist erst seine zweite im Bundestag. "Bild" titelt kurz darauf: "Merkels Bubi gibt der AfD Saures", und das Video von der Rede wird zehntausendfach im Internet angesehen. "Schön, dass ich mittlerweile nicht mehr nur als jüngster Abgeordneter, sondern auch inhaltlich wahrgenommen werde", merkt Amthor später beim Gespräch in seinem Büro an und lächelt leicht. Auf einem Fernseher läuft die Parlamentsdebatte, Amthor kommt gerade aus der Sitzung des Innenausschusses. "Was am Ende zählt im Bundestag", sagt er, "ist die Qualität des Arguments." Amthor klingt wie einer, der noch viel vorhat.

Seine Partei, die CDU, hat da gerade eine wochenlange Debatte über Verjüngung hinter sich. Neue Gesichter sollten nach vorn, die Kanzlerin musste reagieren. Der 37-jährige Jens Spahn wird nun Gesundheitsminister, die 45-jährige Julia Klöckner Landwirtschaftsministerin. Daneben fielen in der Verjüngungsdebatte immer wieder dieselben Namen: Ministerpräsidenten wie Michael Kretschmer aus Sachsen oder Daniel Günther aus Schleswig-Holstein standen im Fokus, auch Carsten Linnemann, der Chef der Mittelstandsvereinigung der Union, und Paul Ziemiak, der Vorsitzende der Jungen Union.

Die Überraschung war groß

Als dann aber nach der Berufung von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Generalsekretärin ein weitgehend Unbekannter wie der 40-jährige Tobias Hans als Ministerpräsident im Saarland nachrückte, war die Überraschung groß. Die CDU hat eine junge Garde, die in den Ländern und auf Bundesebene fleißig Karriere macht, aber bislang nur selten im Fokus der bundesweiten Öffentlichkeit stand. Wer sind also die politischen Enkel der Kanzlerin? Und wie ticken sie? Wer das versteht, weiß, wohin sich die CDU in den kommenden Jahren entwickeln wird.

Manuel Hagel hat eine Karriere in der Politik eigentlich nicht geplant. Der 29-jährige Baden-Württemberger mit den zur Seite gegelten Haaren wollte ursprünglich Förster werden, später machte er eine Lehre zum Bankkaufmann, studierte und wurde mit 24 Jahren Sparkassendirektor in seiner Heimatstadt. Zur gleichen Zeit wurde er dort Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat. Damit war er zufrieden, sagt Hagel. "Aber es hieß dann bei vielen Kandidaturen: Der Manuel soll’s mal machen." Mittlerweile sitzt Hagel im Landtag und ist Generalsekretär der CDU in Baden-Württemberg. Er soll die Partei so auf Vordermann bringen, dass sie bei der nächsten Landtagswahl wieder stärkste Partei wird. In einem Papier mit dem Titel "Wach auf CDU" forderte er eine deutlich konservativere Grundausrichtung der CDU ein. Einige kritisierten ihn für den Alleingang. Andere sehen in ihm Ministermaterial.

Auch Nadine Schön hat es schon weit gebracht. Die 34-jährige Juristin wurde mit gut 20 Jahren Landtagsabgeordnete im Saarland, fünf Jahre später zog sie in den Bundestag ein, mit 30 wurde sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende. "Man muss versuchen, seine Nische zu finden. Dann wird es auch eher geschätzt, dass man mit einem jüngeren Blick die Sachen anpackt", sagt sie. Bei Schön ist diese Nische neben der Familienpolitik die Digitalpolitik.

Florian Braun, der vor seinem Einzug in den nordrhein-westfälischen Landtag bei einem Telekommunikationsverband arbeitete, sagt: "Man kann sich nicht darauf verlassen, dass Ältere einen fördern." Der 28-Jährige verhandelte in NRW den Koalitionsvertrag mit und ist der Landesvorsitzende der Jungen Union. Die ist für viele in der CDU ein wichtiges Netzwerk – auch wenn man schon längst aus der Jugendorganisation herausgewachsen ist, funktionieren die Kontakte noch. "Die junge Generation muss selbst nach Verantwortung greifen und sich dabei gegenseitig unterstützen, nicht ausgebootet zu werden", sagt Braun. Im Landtag in Nordrhein-Westfalen habe man es geschafft, dass acht Mitglieder der JU in der Fraktion säßen. "Das ist ein Gewicht, das mit in die Waagschale gelegt werden kann, wenn wir den Eindruck haben, dass der Blickwinkel der jungen Generation in der Fraktionsarbeit nicht genug vorkommt."