Die CSU hatte ein Luxusproblem: Sie hatte vier fähige und willige Leute für die künftige Bundesregierung – aber nur drei Ministerien. Schon nach Ende der Koalitionsverhandlungen war klar, dass CSU-Chef Horst Seehofer in ein aufgepumptes Innen- und Heimatministerium nach Berlin wechselt. Und wie das so guter Ton ist, belohnt der Chef seinen Generalsekretär für dessen loyale Arbeit mit einem Ministerposten: Andreas Scheuer bekommt das Bundesverkehrsministerium. Mit am Kabinettstisch wird außerdem nach wie vor Entwicklungsminister Gerd Müller sitzen.

Neben Scheuer drängte aber auch Dorothee Bär nach vorn, bislang Staatssekretärin im Verkehrsministerium. Sie wird nun Staatsministerin für Digitalisierung im Kanzleramt. In München rückt derweil für Andreas Scheuer sein bisheriger Stellvertreter nach, der nachdenkliche Stratege Markus Blume – der ebenfalls noch eine lange Politikkarriere vor sich haben dürfte.

Bis auf Bärs Berufung hatte das weiß-blaue Personaltableau für die nächste Bundesregierung im Prinzip festgestanden, lange bevor die CSU dieses am Montagvormittag auf ihrer Vorstandssitzung offiziell beschlossen hat. Bärs neues Amt zeigt aber einmal mehr, was die Partei antreibt und so stark macht: die sagenhafte Fähigkeit der Christsozialen, aus einem Rückstand mindestens ein Unentschieden zu drehen.

Angeblich drohte die CSU während der Koalitionsverhandlungen alles hinzuschmeißen, wenn sie nicht mindestens ein großes Ministerium bekommt – quasi als Kompensation dafür, dass die SPD mit dem Außen- und Finanzministerium gleich zwei Schlüsselressorts ergattert hatte. Zu groß waren die Phantomschmerzen und die Angst vor der Bedeutungslosigkeit, nachdem zu Beginn der letzten Legislatur Innenminister Hans-Peter Friedrich gehen musste und das Innenministerium an die CDU wechselte. Die Durchschlagskraft in der Bundesregierung schrumpfte. Das sollte sich nicht wiederholen, so war die Ansage.

In den langen Koalitionsnächten soll es am Ende CDU-Chefin Angela Merkel gewesen sein, die nachgab und der CSU auf Kosten der großen Schwesterpartei den Wunsch nach dem Innenministerium erfüllte. Ausgleich für die Bayern.

Seehofers Drohung verpuffte – und hat doch gewirkt

Ende vergangener Woche sickerten dann Berichte durch über einen großen Streit beim genauen Ressortzuschnitt: Die Kanzlerin will der CSU zwar gerne die Hoheit übers Bauen mit ins Innenministerium geben, die Entwicklung des ländlichen Raums aber soll im Agrarministerium, also bei CDU-Vize Julia Klöckner, bleiben. Das ist schmerzlich für die CSU, denn dabei geht es nicht nur um Ansehen, Kompetenzen und das Selbstverständnis als Partei der Regionen – sondern auch um eine ganze Menge Geld, Macht und Einfluss.

Seehofersoll daraufhin sogar seinen Gang nach Berlin offengelassen haben, sollte die Kanzlerin die Befugnisse seines Ministeriums derart beschneiden. Die Drohung dürfte bei Merkel wohl verpufft sein. Doch auch die Kanzlerin weiß, dass die Geduld der bayerischen Schwesterpartei begrenzt ist. Und dass das Nervenkostüm in München nach der Schmach bei der Bundestagswahl dünn ist – und täglich dünner wird, angesichts der Landtagswahl im Herbst.

Ein gekränkter Seehofer, der seine Karriere hinter sich hat, der nichts mehr werden muss, hätte als loose cannon durchaus gefährlich werden können. Weshalb der CSU-Chef wenige Tage nach dem Streit fröhlich vor seiner Parteiführung verkünden durfte: Wir verzichten auf die Landesentwicklung, setzen dafür Merkel eine von uns als Staatsministerin ins Kanzleramt. Wieder ein Punkt für die CSU.

Auch wenn die Macht von Staatsministern begrenzt ist – viel hängt von der Amtsführung ab –, so steigen doch mit den Themen Relevanz und Ansehen. Mit der Hoheit über das Bauen, den Verkehr und nun auch noch die Digitalisierung nistet sich die CSU damit gewissermaßen ein im Skelett des Staates. Die Christsozialen sitzen, wo es Geld zu verteilen gibt. Auch das ist ein jahrzehntealtes Erfolgsgeheimnis der Bayern. Aber: Wie weit die CSU Personal und Programm auch gegen die CDU durchdrücken kann, muss den Strategen im Konrad-Adenauer-Haus zu denken geben.