ZEIT ONLINE: Frau Baerbock, unter dem Hashtag #MeToo haben wir in den vergangenen Monaten eine Debatte über Sexismus in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen erlebt. Gibt es das Problem bei den Grünen auch?

Annalena Baerbock: Jede Frau, die ich kenne, hat irgendwann in ihrem Leben persönlich Sexismus erlebt und deswegen halte ich die Debatte auch für absolut notwendig.

ZEIT ONLINE: Aber wie sieht es aus in der Partei?

Baerbock: Sexismus habe ich bei uns nicht erlebt. In der Partei haben wir dagegen ja auch vielfältige strukturelle Regelungen, die dem vorbeugen, zum Beispiel Quoten für Ämter. Auch Redelisten und Wahllisten sind bei uns quotiert. Aber sicher fällt auch mal ein Spruch, den ich daneben finde. 

ZEIT ONLINE:Diskriminierung kann ja sehr subtil stattfinden. Zum Beispiel wenn Männer sich in Debatten nur aufeinander beziehen oder Frauen unterbrechen und ihnen dann die Welt erklären. Haben Sie solche Erfahrungen auch gemacht?

Baerbock: Klar, dass sich Männer gern auf Männer beziehen, auch das kennt, glaube ich, jede Frau und erst recht jede Politikerin. Ebenso, dass bei Frauen nicht nur der Inhalt, sondern gerne auch noch das Aussehen oder Alter kommentiert wird. Während der Jamaika-Sondierungsgespräche hieß es zum Beispiel: "Die junge Frau Baerbock verhandelt Europa." Niemand hat vom "jungen Herrn Spahn" gesprochen, dabei sind wir der gleiche Jahrgang.

Ähnliches kennt man als Frau aus dem Wirtschaftsausschuss. Da gibt es Bemerkungen wie "das haben Sie aber schön vorgetragen". Gerade dort besteht der Großteil der Abgeordneten aus Männern, von denen dann die Hälfte lacht. Würden da mehr Frauen sitzen, fände das niemand witzig. Auch deswegen ist es so wichtig, mehr Frauen im Parlament zu haben.

ZEIT ONLINE: Was kann man sonst noch dagegen tun?

Baerbock: Immer direkt kontern. Und Frauen müssen sich da auch gegenseitig unterstützen und in der konkreten Situation sagen: Sorry, das geht gar nicht.

ZEIT ONLINE: Die CDU hat sich immer gegen strikte Quotierungen ausgesprochen, trotzdem wird sie seit fast 18 Jahren von einer Frau geführt. Und die ist auch noch seit zwölf Jahren Bundeskanzlerin. Ist die CDU damit in Sachen Frauenförderung nicht eigentlich erfolgreicher als die Grünen?

Baerbock: Nein. Klar haben wir eine weibliche Bundeskanzlerin und es hat ja auch niemand behauptet, dass wir ohne Quote gar keine Frauen in der Politik hätten. Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Schauen Sie sich doch mal alle Abgeordneten der Unionsfraktion im Bundestag an: Gerade mal ein Fünftel ist weiblich. Und die Ministerriege der CSU besteht nur aus Männern. Da hätte eine Quote gutgetan.

ZEIT ONLINE: Der Frauenanteil bei den Grünen liegt bei 41 Prozent, das ist der beste Wert unter allen im Bundestag vertretenen Parteien. Trotzdem ist das weniger als die Hälfte. Woran liegt das?

Baerbock: Strukturelle Diskriminierung betrifft auch Parteien. Das fängt damit an, dass Parteiveranstaltungen oft abends um 19 Uhr beginnen. Wenn man wie ich kleine Kinder hat, kollidiert das voll mit dem Abendbrot und der Gute-Nacht-Geschichte. Das kann ein Grund sein, der Frauen die Beteiligung erschwert. Flexiblere Zeitmodelle können da helfen. Wichtig ist zum Beispiel auch, Sitzungen so zu begrenzen, dass sie zu einer festgelegten Uhrzeit auch wirklich zu Ende sind. Oder Parteiveranstaltungen jenseits von Parteitagen nicht gleich am Samstag und am Sonntag abzuhalten.

ZEIT ONLINE: Helfen da wirklich ein paar organisatorische Veränderungen oder liegen die Ursachen nicht tiefer? In anderen Parteien ist der Frauenanteil ja noch weit niedriger als bei den Grünen. Gibt es so was wie ein generelles Fremdeln von Frauen mit Parteiarbeit?

Baerbock: Nein, aber bei der Attraktivität von Gremienarbeit ist noch viel Luft nach oben. Wenn Sie als Studentin über Bafög und Globalisierung diskutieren wollen und dann kommen Sie in einen Ortsverein, in dem vorwiegend ältere Männer darauf pochen, das haben wir schon 20 Jahre so gemacht, dann streitet man vielleicht doch lieber am WG-Tisch, ob Trump nun den nächsten Handelskrieg auslöst. Deswegen ist es wichtig, dass es die Möglichkeit gibt, projektbezogen mitzumachen – zum Beispiel in unseren Bundesarbeitsgemeinschaften, die sich ein paar Mal im Jahr zu bestimmten Themen treffen. Darüber bin auch ich zu den Grünen gekommen.