ZEIT ONLINE: Frau Beck, Sie selbst sind 2014 Opfer eines Hackerangriffs geworden. Damals wurde dahinter die russische Gruppe APT28 vermutet, die auch beim jetzigen Angriff auf die IT-Netze der Regierung zuerst in Verdacht stand. Hat sich das in ihrem Fall jemals bestätigt?

Marieluise Beck: Wenn Sie eine persönliche Unterschrift des russischen Präsidenten Wladimir Putin unter einem solchen Hackerangriff erwarten, dann muss ich Ihnen sagen, dass es keine erhärtete Beweislage gibt. Aber es gab mehr als begründete Vermutungen. Diese stützen sich auf eine gewisse Komplexität des Angriffs und dazugehörende Daten, die einen Hinweis auf die Herkunft geben. Beides zeigte, dass sich dahinter sehr wohl der russische Inlands- und Auslandsgeheimdienst verbergen konnte. Aber solange wir in einem Rechtsstaat die vollständige Beweisführung erwarten, wird man sich mit einem abschließenden Urteil zurückhalten müssen. Dazu sind auch das Bundeskriminalamt und der Bundesnachrichtendienst verpflichtet.

ZEIT ONLINE: Wieso wurden Sie damals ausspioniert? Und wissen Sie, welche Daten damals abgegriffen wurden?

Beck: Ich war eine der Abgeordneten, die seit vielen Jahren Bürgerrechtler sowohl in Russland als auch in der Ukraine begleitet hat. Da lag es auf der Hand, dass insbesondere mein Büro angegriffen wurde. Es gibt keine Informationen über den Abfluss der Daten. Ich habe auch nicht von deutschen Stellen die Information erhalten, dass es sich bei den Angreifern um die Gruppe APT28/29 gehandelt habe. Das erfuhr ich vom US-Nachrichtensender NBC, weil es sich um die gleiche Hackergruppe handelte, die auch die Kampagne der demokratischen US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton angegriffen hat.

ZEIT ONLINE: Hat sich ihr Kommunikationsverhalten seither verändert?

Beck: Es geht weniger um mich, sondern um die Gefahr von Kontaktpersonen in autokratischen oder diktatorischen Ländern. Ich habe bei Mails mit Dissidenten schon immer darauf geachtet, diese Menschen nicht zu gefährden. Eine gute Bekannte von mir, die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa, wurde im Nordkaukasus erschossen. Seit der zunehmenden Repression durch den Kreml ist mein Büro mit Informationen sehr vorsichtig umgegangen, um die Menschen, die aufrecht in diktatorischen Ländern Bürgerrechtspolitik betreiben, nicht zu gefährden.

ZEIT ONLINE: Wenn hinter dem jetzigen Hackerangriff auf das IT-Netz des Bundes russische Hacker gesteckt haben sollten: Was vermuten Sie, auf welche Daten sie es abgesehen haben könnten?

Beck: Da kann man nur fantasieren. 2015 gab es ja auch einen Hackerangriff auf den Bundestag. Wonach man damals gesucht hat, weiß auch ich nicht. Vielleicht nach Dingen, mit denen man Abgeordnete kompromittieren oder unter Druck setzen kann, Pornografie oder Kinderpornografie zum Beispiel. Die Daten, die damals abgegriffen wurden, sind bisher erstaunlicherweise nie verwendet worden.

Das hat wohl auch damit zu tun, dass im Westen das Bewusstsein gewachsen ist, dass solche Angriffe genutzt werden könnten, um Wahlen zu beeinflussen. Jedenfalls hat die deutsche Regierung damals den Kreml ausdrücklich gewarnt, dass man eine Einmischung in die Wahlen nicht dulden würde.