Um kurz vor zehn Uhr hat die längste Regierungsbildung in der Geschichte der Bundesrepublik ein Ende. Angela Merkel, dunkle Hose, cremefarbener Blazer, steht aus ihrem Sessel in der ersten Reihe des Plenarsaals auf, biegt ihr Sitzmikrofon nach oben und beantwortet die Frage von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble mit den Worten, auf die viele Deutsche die fünf Monate seit der Bundestagswahl gewartet haben: "Herr Präsident, ich nehme die Wahl an."

Ein Stück Geschichte ist das schon jetzt. Zum vierten Mal sagt die 63-Jährige diesen Satz, sooft wie vor ihr nur Helmut Kohl und Konrad Adenauer. Historisch auch, weil sich Merkel noch nie so schwer tat wie diesmal, Koalitionspartner zu finden.

Schon der Wahlkampf hatte zäh begonnen. Erst nach langem Hadern und Zögern erklärte sich Merkel im Herbst 2016 bereit, noch mal anzutreten. Auch nach der Wahl lief es nicht besser: Das miese Ergebnis, dann die Jamaika-Sondierungen, deren Scheitern, dann das lange Warten auf die SPD.

Als im Plenarsaal Bundestagspräsident Schäuble das Ergebnis der Kanzlerwahl verliest, geht ein Raunen durch die Reihen. 399 Stimmen von 709 Abgeordneten hat Merkels mühsam zusammengezimmerte große Koalition. 355 braucht Merkel, um Kanzlerin zu werden. Am Ende erhält sie nur neun Stimmen über dieser Marke, 364. Das ist ein Misstrauensvotum.

Die Fraktionschefs hatten für diese Mehrheit gekämpft

Aus der Opposition hatte Merkel keine Stimmen zu erwarten. Bei einigen ungültigen Wahlzetteln und neun Enthaltungen zeigt das Ergebnis also: Mindestens ein Dutzend Abgeordnete von Union und SPD hat gegen Merkel gestimmt. Das war zwar zu Beginn der bisherigen großen Koalitionen ähnlich. Damals wie heute lagen die Zustimmungsquoten für die Kanzlerin bei etwa 90 Prozent im eigenen Lager. Aber da waren die Mehrheiten zahlenmäßig stärker. Das Wahlergebnis ist eindeutig: Durchregieren geht nicht mehr. Die Methode Merkel hat sich abgenutzt.

Dabei hatten die Fraktionsspitzen von Union und SPD eigentlich alles getan, dass es so weit nicht kommt: Um halb neun huschen die Parlamentarier aus den Aufzügen in die Fraktionsräume im Obergeschoss des Reichstags. Sich noch mal zu treffen, ist vor Plenarabstimmungen üblich. Auf diesen Sitzungen wird ein letztes Mal die Fraktionslinie vorgezeichnet. Die Führung versucht dann, Abweichler umzustimmen und die Mehrheit zu sichern, damit es später im Plenum nicht zu Überraschungen kommt.

Keine Abweichler in der Union?

Aber die Mehrheit sollte bei so einer wichtigen Wahl feststehen. Es gehe auch eher darum, die Anwesenheit festzustellen, heißt es vor der Tür. Denn man kann der Kanzlerin seine Stimme natürlich auch  verwehren, indem man einfach im Bett bleibt. Bei der SPD kniff niemand: Alle 153 Abgeordnete waren gekommen. Abweichler sollten sich vorab bei der Fraktionsführung melden. Es erschien: niemand.

Auch die Union vermittelte diesen Eindruck: "Ich rechne nicht damit, dass wir einen Abweichler haben werden", war sich CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt noch am Vortag sicher. Wohl auch deshalb rechnen alle mit großer Zustimmung, als der Bundestagspräsident pünktlich um neun Uhr den Gong klingen lässt. Alphabetisch ruft das Präsidium die Abgeordneten auf. Sie gehen in die Wahlkabinen, ziehen den grauen Vorhang hinter sich zu, stecken ihren Stimmzettel in einen Umschlag und lassen ihn in die gläsernen Urnen links und rechts des Rednerpultes gleiten.

Also, wer war's? Kamen die meisten Gegenstimmen aus der Union? Wie viele aus der SPD? Das wird man nie genau sagen können: Die Wahl ist geheim.

SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles sagt, sie sei "überrascht" von den vielen Nein-Stimmen. Noch am Vortag hatte sie selbstbewusst angekündigt: Die Abgeordneten würden "geschlossen" das Ergebnis des SPD-Mitgliedervotums von Anfang März akzeptieren. Das sei mit 60 Prozent für die große Koalition doch klar ausgefallen. 

Schulz und Gabriel: Ermüdungsbrüche der Regierungsbildung

Doch auch eine Fraktionschefin kann nicht in Köpfe schauen. Im Bundestag sitzen einige Vorkämpfer der innerparteilichen NoGroko-Bewegung. Abgeordnete wie die Berlinerin Cansel Kiziltepe hatten öffentlich bekundet, dass sie sich beugen würden. Die Baden-Württemberger Groko-Gegnerin Hilde Mattheis aber lässt erkennen, dass sie mit Nein gestimmt haben könnte: Als Journalisten sie nach ihrem Wahlverhalten fragen, sagt sie nur: "Ich bin konsequent geblieben." Der nordrhein-westfälische Abgeordnete Marco Bühlow steht offen zu seinem "Nein". Kurz nach der Wahl veröffentlicht er eine Erklärung auf seiner Homepage: "Mein Gewissen sagt mir weiter deutlich, ich kann Angela Merkel meine Stimme nicht geben (...) Ich kann eine Große Koalition nicht ein drittes Mal mit meiner Stimme legitimieren." Die SPD bleibt für Schlagzeilen gut, offenbar auch zur Überraschung ihrer eigenen Fraktionschefin.

Der Tag der Kanzlerinnenwahl ist auch ein Abschied. Unruhig wird es im Plenum, als in der Abstimmung die Nachnamen mit G und S aufgerufen werden. Da stapft dann Merkels bisheriger Außenminister, Sigmar Gabriel, zur Urne, breitbeinig mit einem Lächeln. Wenig später kommt der Mann, der gern Gabriels Nachfolger geworden wäre: Martin Schulz, Ex-SPD-Chef und für wenige Tage designierter Außenminister. Beide steuern danach auf Merkel zu. Händeschütteln, ein kurzes Schwätzchen, beide haben ihre politische Karriere hinter sich. Ermüdungsbrüche dieser langwierigen Regierungsbildung.