Markus Söders herausragende Eigenschaft ist es wohl, vielen Menschen auf den Geist zu gehen: Er saß in Talkshows und erklärte den Griechen die Schuldenkrise, Merkel belehrte er in der Flüchtlingspolitik und allen, die es hören wollten, dozierte er, warum Bayern so viel besser ist. Söder ist Polarisierer und immer ganz unbescheiden. Sein Name reicht, um im Rest der Republik den Blutdruck steigen zu lassen. Daheim in München schließlich piesackte er seinen Vorgesetzten, Parteichef und Ministerpräsident Horst Seehofer so lange, bis dieser gar nicht anders konnte, als ihn zu seinem Nachfolger zu ernennen.

Am Freitagmorgen um 11:39 Uhr ist Söder am Ziel. Der Bayerische Landtag wählt ihn mit der absoluten Mehrheit der CSU-Abgeordneten zum Ministerpräsidenten – mit gerade mal 51 Jahren ist er der jüngste Regent der Nachkriegsgeschichte in der Münchner Staatskanzlei. Da wollte dieser Ausnahmepolitiker immer hin, Regierungschef war sein Karriereziel. Und ausgerechnet jetzt könnte Söder seine Ausdauer im Unbequemsein zum Verhängnis werden. Das hat der Machtpolitiker mit dem feinen Gespür für Stimmungen offenbar selbst erkannt. Und Söder wäre nicht Söder, wenn er nicht schon an der nächsten Inszenierung arbeiten würde.

Die Wahl sei ein Vertrauensvorschuss, den er erst "durch Einsatz und Engagement" rechtfertigen müsse, sagte Söder nach seiner Wahl im Landtag. Und weiter: "Bei allem Streit im Haus, die Sorgen der Menschen müssen immer an erster Stelle stehen." Bürger seien nicht für die Politiker da sondern andersrum.

Nanu? Söder, der Versöhner? Dabei hatte doch ausgerechnet er das Wadlbeißertum jahrzehntelang kultiviert – und war damit weit gekommen: Ministerpräsident Edmund Stoiber – bei seiner Amtsübernahme 52 Jahre alt – machte ihn zum CSU-Generalsekretär. Ebenfalls der bis dato jüngste. Söder amerikanisierte CSU-Wahlkämpfe und die Öffentlichkeitsarbeit der Konservativen: mehr Pomp, mehr Glitzer, Luftballons und Personalisierung. Ministerpräsident Günther Beckstein beförderte ihn zum Europaminister. Später, unter Seehofer, wurde er erst ins Umweltministerium abgeschoben. Doch auch ein Seehofer kam schließlich nicht umhin, Söder das mächtige Finanz- und Heimatressort zu überlassen.

Söder glänzte – nicht nur wegen seiner Kompetenz

In allen Ämtern glänzte der Franke. Nicht nur, weil er sich als emsiger Arbeiter in jedes Fachgebiet einwühlt. Sondern vor allem, weil er sich auf Selbstinszenierung versteht wie kaum ein deutscher Politiker. Der gelernte Journalist Söder weiß um die Macht der Bilder. Instagram, Twitter und Facebook hat er zur erweiterten Form der Regierungserklärung erhoben.

Im Nymphenburger Park paddeln neuerdings venezianische Gondeln. Söder, zuständig für Schlösserverwaltung, macht eine Probefahrt – mit Kameras. Im Nürnberger Hafen eröffnet ein Aussichtsturm – Söder ist sich nicht zu fein, eine Kapitänsmütze aufzuziehen und für Schnappschüsse zu posieren. Als Umweltminister sorgte er einst dafür, dass der Wöhrder See in der Nürnberger Innenstadt sauber wurde – publikumswirksam stieg Hobby-Schwimmer Söder ins Wasser und ließ sich dabei filmen. Bekommt seine fränkische Heimatstadt eine Zweigstelle des Deutschen Museums, schlüpft Söder zum Fototermin in eine Star-Trek-Uniform.

Doch seitdem feststeht, dass Seehofer wirklich an seinen Finanzminister übergibt, taucht hinter diesem schrillen, überdrehten Markus ein neuer Söder auf: präsidiabler und landesväterlicher, nicht mehr so giftig und überambitioniert.

Söders neue Demut

So legte er schon im Januar erste Programmpunkte vor: Er will die Verfassung ändern. Die Amtszeit für Ministerpräsidenten solle auf zehn Jahre begrenzt werden. "Was man in zehn Jahren nicht schafft, schafft man auch danach nicht", sagte er. Demut gehört mit zu diesem Söder.

Ansonsten verspricht er derzeit allen alles, was irgendwie populär klingt: Eine bayerische Grenzschutzpolizei soll her. Die gab es schon mal, bevor sie 1998 in der Bundespolizei aufging. Außerdem: eine staatliche Wohnungsbaugesellschaft (was die Opposition seit Jahren fordert), eine "Exit-Strategie" für Glyphosat (obwohl ein CSU-Minister in Brüssel erfolgreich für den Unkrautvernichter Lobby machte), ein Landespflegegeld und -baukindergeld (wenn der Bund was gibt, legt Bayern noch eine Schippe drauf, sagt Söder im Interview mit der Süddeutschen) und Konzepte gegen den Flächenfraß (die Grünen wollen am Wahltag ein Volksbegehren gegen zu viel Bebauung).

Ob das reicht? War die absolute Mehrheit für die CSU über Jahrzehnte beinahe ein Fetisch, so gibt sich die Partei in letzter Zeit auffallend kleinlaut. Die Christsozialen liegen aktuell bei etwas über 40 Prozent in den Umfragen. Immerhin besser als bei der Bundestagswahl.