Uneindeutige Daten und fragwürdige Behauptungen – Seite 1

Am Donnerstag, dem 15. März stellte sich Hartmut Ganzke in Düsseldorf vor die Presse. Der innenpolitische Sprecher der SPD in Nordrhein-Westfalen hatte ein Anliegen: Er wollte, dass Angriffe mit Stichwaffen künftig gesondert in der Kriminalstatistik aufgeführt werden. Die SPD-Fraktion reichte einen entsprechenden Antrag bei der Landesregierung ein. "In Polizeikreisen und in der Öffentlichkeit herrscht der Eindruck, dass vor allem jugendliche Täter immer öfter das Messer zücken", sagte Ganzke. Er brachte auch eine Zahl mit: 572. So viele Angriffe mit Stichwaffen soll es zwischen September 2017 und März 2018 in Nordrhein-Westfalen gegeben haben.

Ermittelt hatte die Zahl ein Praktikant aus Ganzkes Abgeordnetenbüro. Seine Quelle waren Polizeiberichte aus dem Onlinenachrichtenportal Blaulicht. "Mit dieser Auswertung stellen wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit her", sagt Frank Uferkamp, Pressesprecher der nordrhein-westfälischen SPD. "Aber wir haben da eine Informationslücke gesehen, die wir schließen wollten."

AfD warnte vor "Messerepidemie"

572 tätliche Angriffe mit Stichwaffen also, die meisten davon in Duisburg (44), Köln (39) und Essen (34). Viel tiefer reicht die Analyse nicht. Wer wen attackiert hat, ob jemand verletzt wurde und wie schlimm, wie viele Täter gefasst wurden – all das beantwortet die SPD-Statistik nicht. Dennoch bestimmte sie in den Folgetagen die öffentliche Debatte. Die AfD warnte vor einer "Messerepidemie". Auf Twitter entstand der Hashtag #Messerland. Drei Tage später titelte die Bild "Messer-Angst in Deutschland" und berief sich auf die Zahlen aus Nordrhein-Westfalen. Andere Zeitungen schrieben: "Mehrere Messerattacken am Wochenende", "Polizei warnt vor immer mehr Messer-Attacken".

Hartmut Ganzke ärgert die Interpretation. "Wir wollten keine Panikmache betreiben, sondern gefühlte Wahrheiten mit Zahlen konfrontieren." Valide Daten seien schließlich die Grundlage für die Arbeit der Polizei.

Angst vor zunehmender Messergewalt unbegründet

Doch seit Ganzke vor die Presse trat, mehrten sich Berichte über Messerangriffe in ganz Deutschland. Am Münchener Hauptbahnhof wurde ein 22-Jähriger mit einem Messer am Hals verletzt. Im niedersächsischen Burgwedel wurde eine 24-Jährige in einem Supermarkt niedergestochen. Schon Ende Januar hatte ein 15-Jähriger auf dem Schulflur einer Gesamtschule in Lünen einen 14-Jährigen mit einem Messer attackiert. Das Opfer starb noch am Tatort.

Sind diese Vorfälle Teil eines Trends? Gibt es mehr Angriffe mit Stichwaffen in Deutschland? Zwei ARD-Journalisten werteten die Kriminalstatistiken verschiedener Bundesländer aus und fanden heraus, dass die Angst vor zunehmender Messergewalt unbegründet ist. Einen klaren Trend gibt es nicht, zu unterschiedlich sind die Entwicklungen in den einzelnen Bundesländern.

Während in Hessen und Rheinland-Pfalz die Zahl der Stichwaffendelikte in den vergangenen Jahren gestiegen ist, blieb sie in Berlin nahezu konstant. In Schleswig-Holstein ist sie sogar gesunken. Andere Bundesländer führen gar keine Statistiken, darunter Bayern und Sachsen-Anhalt. Auch ob die 572 Vorfälle aus Nordrhein-Westfalen eine Zunahme der Stichwaffenkriminalität bedeuten, lässt sich nicht sagen, denn es fehlen Vergleichszahlen für die Vorjahre.

Zuspitzungen lassen Fakten verschwimmen

Die Befürchtung, dass die Zahl der Angriffe mit Stichwaffen in Deutschland zunimmt, lässt sich also nicht belegen. Widerlegen lässt sie sich allerdings auch nicht. Diese uneindeutige Faktenlage ruft fragwürdige Behauptungen hervor. Einen Tag nach Veröffentlichung der ARD-Analyse hielt etwa der AfD-Abgeordnete Gottfried Curio im Bundestag eine Rede. "Permanent Messerattacken, in Berlin sieben pro Tag. Schluss mit der Verharmlosung: 'Nur ein Einzelfall' – nein!", sagte er. Seine Fraktion applaudierte.

Curios Behauptung, es gebe in Berlin sieben Messerattacken pro Tag, basiert auf einer Antwort des Senats auf eine CDU-Anfrage. Darin heißt es, 2017 habe es 2.737 Taten gegeben, bei denen ein Messer als Tatmittel erfasst wurde. Curio teilte diese Zahl durch 365. Was er vergaß: Wenn ein Messer als Tatmittel erfasst wird, heißt das nicht, dass es zum Einsatz gekommen ist. Bei schweren Verbrechen konfisziert die Polizei Stichwaffen auch dann, wenn der Täter sie nur mit sich trägt.

Ein weiteres Beispiel: "Bis zu 300 Prozent mehr Angriffe" stellt die Bild in Bezug auf die Messerdelikte fest. Diese Zahl bezieht sich allerdings allein auf Leipzig. Dort soll die Zahl der gefährlichen Körperverletzungen, bei denen ein Messer eine Rolle spielte, im Jahr 2017 (138 Fälle) deutlich höher gelegen haben als im Jahr 2011 (33 Fälle). Diese Zahlen sind aber nicht belastbar: Delikte aus dem Jahr 2011 sind womöglich schon aus der Datenbank gelöscht worden, sagt ein Sprecher der Polizei Leipzig. Zudem werden in der Statistik auch Taten erfasst, bei denen sich jemand mit einem Messer verteidigt hat. Wie hoch der Anstieg der Messerangriffe tatsächlich ist, kann niemand sagen.

Gesonderte Statistiken könnten Debatte versachlichen

Das Innenministerium Nordrhein-Westfalen hat inzwischen auf die Forderung der SPD auf eine gesonderte statistische Erfassung reagiert. Von 2019 an wird die Polizei erfassen, wie viele Gewalttaten mit Stichwaffen verübt werden. "Wir tun das, um eine solide Datenbasis zu schaffen und Vergleichbarkeit herzustellen", sagt Wolfgang Beus, Sprecher des Innenministeriums. "Ende 2019 können wir dann sehen, ob es tatsächlich einen Trend gibt." Auch das Innenministerium von Niedersachsen hat angekündigt, zukünftig gesonderte Statistiken zu führen. 

Bleibt nur noch die Frage: Falls aus den neuen Messer-Statistiken der Innenministerien hervorgeht, dass es tatsächlich mehr Stichwaffendelikte gibt – was wären die politischen Konsequenzen? "Zum einen müssten Polizeischüler in der Ausbildung für die Zunahme der Messerdelikte sensibilisiert werden. Zum anderen wird man dann über Verbote von bestimmten Messern nachdenken müssen", sagt SPD-Innenpolitiker Ganzke. Dann fügt er noch hinzu: "Aber das ist ja alles noch hypothetisch."