Bei den Gegnerinnen und Gegnern der großen Koalition bricht nach dem Votum der SPD-Basis alles zusammen: Erst rutscht das Transparent mit dem Willy-Brandt-Zitat "Mehr Demokratie wagen" von den zwei Stühlen, die es nur provisorisch halten. Dann setzt der Facebook-Livestream aus. Die Krisensitzung der Demokratischen Linken der SPD und des Vereins #NoGroKo e. V. in einer Berliner Kellerbar findet damit praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Obwohl laut dafür getrommelt wurde, sind im Raum nicht einmal 40 Menschen, darunter ein Baby.

Aufsturz heißt das Lokal, wo das Handynetz keine Onlineübertragung mehr zulässt. Eine Art Umsturz, zumindest einen Bruch mit dem Status quo – das ist es, was den Anwesenden für ihre Partei vorschwebt. Im Halbdunkel des holzgetäfelten Raums im Untergeschoss entlädt sich der Ärger über die Niederlage beim Mitgliedervotum der SPD und über die Parteiführung.

"Das Bestimmen von oben nach unten darf nicht mehr möglich sein", sagt Hilde Mattheis, Bundestagsabgeordnete und Wortführerin der Demokratischen SPD-Linken. Steve Hudson, Vereinschef von #NoGroKo, sieht die SPD "vor dem Abgrund" und muss den Schock noch verarbeiten, "dass das Ergebnis so deutlich war". Die Berliner Juso-Chefin Annika Klose werde später auch noch etwas dazu sagen, kündigt er an. Sie demonstriere gerade vor dem Willy-Brandt-Haus.

Dort steht auch Kevin Kühnert vor den Kameras, der Bundesvorsitzende des SPD-Parteinachwuches. In aller Öffentlichkeit hat er in den vergangenen Monaten die Anti-Groko-Bewegung orchestriert. Jetzt will er "dieser Partei aufs Dach steigen", damit die Versprechen der Führung keine Lippenbekenntnisse bleiben.

Trotz des Gegenwinds haben in der SPD zwei Drittel für die Koalition mit CDU und CSU gestimmt – nach einer Kehrtwende von Ex-Parteichef Martin Schulz und des gesamten Führungsstabs. Wie heikel das war, zeigte sich, als am Sonntagmorgen in der Parteizentrale das 66-Prozent-Ergebnis verkündet wurde: Keine Hand rührte sich zum Applaus. Denn die SPD ist seit Monaten im Konflikt zwischen der Übernahme staatspolitischer Verantwortung und ihrer Glaubwürdigkeit gefangen, zwischen Regieren und parteiinterner Erneuerung von der Oppositionsbank aus. So kann in der Parteizentrale nicht einmal der Sieg der Koalitionsbefürworter beklatscht werden.

"Wer die Parteispitze kritisiert, wird ignoriert"

Die Führung verweist darauf, in den mit nur 56 Prozent Parteitagsmehrheit beschlossenen Koalitionsverhandlungen das Maximum für die Sozialdemokraten herausgeholt zu haben. Stärkstes Druckmittel dabei war der Verweis auf den anstehenden Mitgliederentscheid. Wichtige Ministerien werden deshalb jetzt mit SPD-Politikern besetzt. Die Mehrheit der Parteimitglieder hat das überzeugt. Sie trieb auch die Angst um, im Falle einer Neuwahl noch schlechter abzuschneiden: In aktuellen Umfragen liegt die SPD bei unter 20 Prozent, in manchen Erhebungen nur auf Rang drei, knapp hinter der AfD.

Im Berliner Aufsturz grassiert am Sonntag die Angst, die Groko-Gegner könnten in der SPD marginalisiert werden und der Partei endgültig verloren gehen. "Wer die Parteispitze kritisiert, wird ignoriert", sagt Silvia Kunze, SPD-Vize in Frankfurt am Main. Hartmut Georgi von der SPD Berlin-Friedrichshain/Kreuzberg ist von seiner "16-Prozent-Partei" enttäuscht. "Das marginalisierte Drittel muss innerhalb der SPD erst mal wieder an Kraft gewinnen."

Mattheis versucht, die Leute zusammenzuhalten: "Wir wollen keine Spaltung in Ja- und Neinsager", motiviert sie die Zuhörer. Doch das tröstet nicht darüber hinweg, dass weiterhin Wählerinnen und Wähler flüchten: Trotz Übernahme staatspolitischer Verantwortung und trotz der sozialdemokratischen Pluspunkte im Koalitionsvertrag – die Partei fällt und fällt in den Umfragen. Alles falsch gemacht also?

Alle reden von Erneuerung: die Parteiführung, Juso-Chef Kühnert und Hilde Mattheis. Ohne dieses Schlagwort kommt keine Reaktion auf das Abstimmungsergebnis aus, kein Tweet, kein Interview. Erneuerung ist das Trostpflaster auf die Wunde, die der erzwungene Eintritt in die ungeliebte schwarz-rote Koalition riss. Ein wenig hat sich die SPD bereits gewandelt: Fast 30.000 neue Mitglieder wurden seit vergangenem Jahr dazugewonnen. Die Diskussionen sind kontroverser, Ende April wird ein neuer Parteichef gewählt. Doch was soll sozialdemokratische Politik künftig ausmachen – und was das Programm der SPD?