Und wieder fängt das Pingpongspiel mit der Zugehörigkeit an. Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht? Der neue Innenminister Horst Seehofer verkündet ein "Nein", die Immer-noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel beharrt auf "Ja". Dabei ist diese Frage so 2010.

Christian Wulff hatte als Bundespräsident mit diesem Spiel begonnen, um eine Botschaft an die deutsche Gesellschaft zu senden – an die Menschen muslimischen Glaubens, die sich in Deutschland zugehörig fühlen sollen und gegen all jene, die den Muslimen die Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft absprechen. Dabei wurde die falsche Botschaft gesendet. Sie hat eine Debatte ausgelöst, die mehr Schaden angerichtet als geholfen hat.

Mit jeder gestellten Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder ob der Islam nicht zu Deutschland gehört, schiebt man die unterschiedlichen Menschen muslimischen Glaubens erst als Kollektiv mit sanfter Hand ins Land und dann wirft man sie eiskalt wieder hinaus. Die Politikerinnen und Politiker sprechen ihnen die Selbstverständlichkeit der Zugehörigkeit ab, sie sehen keine Menschen mit vielen Identitäten, sondern nur ihre religiöse Identität. Sie interessieren sich nicht für den Einzelnen, sondern befassen sich nur abstrakt mit der Rolle ihrer Religion in dieser Gesellschaft.

Zugehörigkeit wird immer wieder abgesprochen

Insbesondere junge Deutsche, die in diesem Land geboren und aufgewachsen sind, die Deutschland als ihre Heimat sehen, aber aufgrund ihrer nichtdeutschen Wurzeln noch eine zweite oder dritte Heimat haben, müssen in ihrem deutschen Alltag oft genug das Gefühl erleben, dass sie unerwünscht sind. Oder dass ihre Zugehörigkeit an Bedingungen geknüpft ist, die aber nicht für jene mit deutschen Wurzeln gelten. Ständig müssen sie sich in ihrer eigenen Heimat beweisen, mit einwandfreiem Deutsch oder einem besonders guten Schulabschluss. Die Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft wird ihnen immer wieder abgesprochen. In der Schule, auf der Arbeit, in  kurzen Begegnungen im Alltag, ob im Supermarkt oder an der Bushaltestelle. Es reichen unauffällige Fragen oder Bemerkungen, manchmal Seitenblicke oder ein Schnaufen, das sie aufschreckt und verletzt. Unsere Politiker richten sich nicht direkt an diese Menschen, sie sagen nicht: "Du gehörst zu uns, egal ob du sonntags in die Kirche gehst oder fünfmal am Tag betest, ob dein Großvater in Deutschland oder im Irak geboren ist. Ob du neben Deutsch auch Arabisch oder Albanisch sprichst, du bist einer von uns." Stattdessen spielen sie Pingpong mit einem Zugehörigkeitsgefühl, das sie den Muslimen mal schenken, mal wegnehmen. Dabei sind diese Menschen mehr als nur Muslime. Und unserer Gesellschaft definiert sich nicht über die Religionen, die wir in Deutschland beheimatet sehen. Sondern über unser Grundgesetz, das sich für Religionsfreiheit verbürgt.

Unsere Politiker aber reduzieren Einwohnerinnen und Einwohner sowie Bürgerinnen und Bürger auf ihre religiöse Identität – in einem Land, in dem jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft oder Religion gleich zu achten und behandeln ist. Und die Islamverbände geben mit ihrer Identitätspolitik ihr Bestes, damit in unserer Gesellschaft unterschiedliche Menschen der islamischen Religion als homogene Gruppe behandelt werden und jedem einzelnen von ihnen eine monotone und stumme Rolle des Moslems zugewiesen wird. In der öffentlichen Debatte sprechen die Verbände nicht von den Interessen ihrer Mitglieder, sondern von Muslimen. Sie beanspruchen für sich, die Interessen von Lehrern, Gemüsehändlern, Informatikern, Putzfrauen muslimischen Glaubens gegenüber der Mehrheitsgesellschaft einheitlich zu vertreten, sogar von jenen, die nicht ihre Mitglieder sind. Mit ihrer Rhetorik und dominierenden Stimme im Diskurs schenken sie allen einen unangenehmen Opferstatus. Dabei betreiben die Islamverbände Lobbyarbeit wie auch jeder Wirtschaftsverband – sie repräsentieren eine kleine Gruppe von Muslimen, die allerdings den Diskurs in diesem Land über die Zukunft einer multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft dominiert, die Einfluss auf Politik und Medien nimmt, was das Thema Integration und Einwanderung angeht.

Keine Pingpongspiele

So werden die Menschen muslimischen Glaubens hier nicht ankommen können, Deutschland wird nicht zu ihrer Heimat werden, solange sie ständig auf ihr Muslimsein reduziert werden – von Politikern und Verbänden. Sie sind nicht 24-Stunden-Muslime. Sondern Menschen, die ihren Wecker überhören, die ihren nächsten Urlaub planen, die im Verkehr fluchen, die Berufsunfähigkeitsversicherungen abschließen, die sich über lange Kassenschlangen ärgern und die sich eine bessere Zukunft für ihre Kinder wünschen. Sie wünschen sich Anerkennung als gleichwertige Bürger und Einwohnerinnen – unabhängig von ihrer Religion.

In einem säkularen Staat sollten wir nicht darüber streiten, ob Deutschland eine Heimat für den Islam sein kann. Wir sollten uns vielmehr darüber Gedanken machen, wie Deutschland die Heimat von jedem sein kann, der Deutschland als seine Heimat ins Herz geschlossen hat – ob Christ, Jude, Moslem oder Atheist. Ohne Pingpongspiele der Politik.