Vor acht Monaten schien der neue starke Mann der SPD ganz unten. In seiner Stadt wurden vor den Augen hilfloser Polizisten Geschäfte geplündert, auf den Straßen brannten Barrikaden, Bürger fürchteten um ihr Leben. Olaf Scholz stand damals in den Katakomben der kurz zuvor eröffneten Elbphilharmonie und sprach Olaf-Scholz-Sätze in eine Kamera: "Ich appelliere an die Gewalttäter, mit ihrem Tun aufzuhören und sich zurückzuziehen und die Gewalttaten nicht mehr zu verüben."

Selten hatte man Hamburgs Bürgermeister so schwach und planlos gesehen, wie an diesem Abend des G20-Gipfels. Kurz zuvor hatte er noch im Kreise der Staatschefs ein klassisches Konzert gehört. Die Bilder vom gediegenen Konzert auf der einen und den brennenden Barrikaden auf der anderen Seite gingen um die Welt. Später gab Scholz zu, in diesen Tagen an Rücktritt gedacht zu haben. Nun wird er wohl wirklich als Hamburger Bürgermeister zurücktreten. Nicht, weil er seine Politik für gescheitert hält. Sondern weil er sich zu Höherem berufen fühlt. Es gilt als sicher, dass Scholz Vizekanzler und Finanzminister der neuen Bundesregierung wird, auch wenn die SPD offiziell darüber noch nicht entschieden hat.

Nach dem wohl desaströsesten Jahr seiner politischen Karriere kehrt Scholz dorthin zurück, wo er nach seinem Anspruch immer hingehörte. In Hamburg hat derweil die Debatte über seine Nachfolge und seinen Nachlass begonnen. War Scholz ein guter Bürgermeister? Wie geht es nun weiter ohne den Mann, der in Hamburg lange ohne großen Widerstand regierte? Und in Berlin fragt man sich: Kann der Finanzminister? Ist er der richtige Mann, um die SPD wieder aufzurichten?

Seine Hybris macht ihn anfällig für Fehler

Eines ist sicher: Olaf Scholz glaubt, dass er der richtige Mann ist. Für fast jeden Job. Aber gerade seine Hybris macht ihn immer wieder anfällig für Fehler.

Als Scholz vor wenigen Wochen gefragt wurde, ob er Finanzminister werde, sagte er, es sei bekannt, dass die SPD dieses Ministerium bekomme. "Dass sich in einer solchen Situation alle Blicke auf mich richten, ist jetzt auch nicht weiter erstaunlich." Die bundespolitischen Ambitionen des SPD-Mannes waren nie ein Geheimnis. Scholz war Generalsekretär unter Gerhard Schröder und Bundesarbeitsminister unter Angela Merkel, bevor er Bürgermeister von Hamburg wurde. Sein Auftreten war stets das eines Bundespolitikers, der sich für ein paar Jahre in die Tiefe der Landespolitik hinabbegibt. Im Hamburger Kabinett hat er oft und ausführlich über Bundespolitik doziert. Häufig habe er dabei begeisterter gewirkt als bei manchem der lokalen Themen, sagen Regierungsmitglieder.

Auch außerhalb der Stadt waren seine Ambitionen kaum zu übersehen: Im vergangenen Jahr beschrieb er in seinem Buch Hoffnungsland, wie er sich ein modernes Deutschland vorstellt. Immer öfter trat er zuletzt in Talkshow s auf. Nach der Wahl analysierte er in einem Thesenpapier die Fehler seiner Partei. Es gehört nicht viel Interpretationsmut dazu, darin eine Bewerbung für Höheres zu sehen.

Hinzu kamen Interviews, in denen er dem gestürzten Martin Schulz indirekt Führungsschwäche vorwarf. Als stellvertretender Parteichef wäre es eigentlich die Aufgabe von Scholz gewesen, dem unsicheren SPD-Chef Schulz den Rücken freizuhalten. Doch dieser hatte zunehmend das Gefühl, dass der Hamburger gegen ihn arbeitete. Auch die Journalisten wussten, dass Scholz vieles, was der damalige Parteichef Schulz tat, kritisch sah. Den offenen Machtkampf aber suchte er nicht.

Scholz ist vorsichtig, analytisch, abwägend. Er wartet auf den richtigen Zeitpunkt. Damit hatte er in der Vergangenheit Erfolg. Die Hamburger SPD war von Intrigen zerfressen und tief zerstritten, als er 2009 den Landesvorsitz übernahm. Zur Bedingung für seine Kandidatur machte er damals ein einstimmiges Votum des Landesvorstands. "Wer bei mir Führung bestellt, muss wissen, dass er sie dann auch bekommt", erklärte er seine Politik seither immer wieder in Interviews.

Scholz hat die Landespartei geeint, seit vielen Jahren ist er unumstritten – auch weil er aus Sicht der SPD sagenhaft erfolgreich war. Bei der Bürgerschaftswahl 2011 holte er die absolute Mehrheit mit einem simplen Versprechen: ordentlich zu regieren. Erneut hatte er die richtige Idee zum richtige Zeitpunkt. Die schwarz-grüne Regierung war mit ihren Plänen für eine längere Grundschulzeit an einem Volksentscheid gescheitert, die Wirtschaftskrise hatte große Löcher in die Landeskasse gerissen. Nach Jahren des Chaos und der großen idealistischen Pläne sehnten sich viele Hamburger nach Pragmatismus und Führung.

Scholz konnte ihnen beides bieten – auch weil die Konjunktur boomte. Steigende Steuereinnahmen und Spielräume durch niedrige Zinsen nutzte er, um Politik durchzusetzen, von der viele profitieren und gegen die nur wenige etwas haben: Er schaffte die Studiengebühren ab, beendete mit einem 200-Millionen-Euro-Nachschuss die jahrelangen Querelen um die halbfertige Elbphilharmonie, machte Kitas weitgehend kostenlos, investierte massiv in die Ganztagsbetreuung von Kindern, engagierte sich für Wohnungsbau, damit Wohnen in der Stadt bezahlbar bleibt.