Gegen Ende seiner Rede ruft Siegfried Daebritz zum zivilen Ungehorsam auf. "Werdet einfach subversiv", sagt der Pegida-Mitorganisator verschwörerisch. Knapp 2.000 Menschen auf dem Dresdner Neumarkt hören ihm zu. Konkret stellt sich Daebritz das so vor: "Die Patrioten" sollten die Mailverteiler aus dem Intranet an ihren Arbeitsplätzen nutzen. "Kopiert euch diese heraus, sammelt sie, legt euch eine E-Mailadresse an, die nicht mit euch in Verbindung gebracht werden kann und ballert einfach mal regelmäßig Informationen raus." Dann spricht Lutz Bachmann, vorbestraft wegen Volksverhetzung.

Hier bei Pegida wird nicht nur Merkel geschmäht und gegen Ausländer gehetzt, sondern auch an der Grenze des Strafrechts zur Daten-Selbstbedienung animiert. Das ist das Umfeld, in dem ab nun auch AfD-Politiker auftreten dürfen, seitdem am Wochenende die Partei die Abgrenzung zu Pegida beseitigt hat. "Ich freue mich, hier oben zu stehen, ohne dass in meiner Partei große Streitigkeiten auftreten", sagt der sächsische AfD-Landesvorsitzende Jörg Urban, als er auf der Bühne steht. "Einigkeit, Einigkeit" brüllt die Masse der Zuhörer zurück, viele schwenken Fahnen. Für die kommenden Wochen sind weitere Landesvorsitzende angekündigt, auch der AfD-Nationalist Björn Höcke aus Thüringen. Den Termin hält Daebritz noch geheim. 

Am Wochenende hatte der Konvent der AfD – der zweithöchsten Instanz der Partei – beschlossen, dass es AfD-Mitgliedern und Funktionären ab sofort freisteht, sich an Veranstaltungen von Pegida in Dresden zu beteiligen. Um dort "eigene Positionen öffentlich zu vertreten". Einzige Bedingung: Das AfD-Logo darf nicht zu sehen sein. Treibende Kraft war Sachsen-Anhalts Landeschef André Poggenburg, der mit seinen Amtskollegen Björn Höcke (Thüringen), Jörg Urban (Sachsen) und Andreas Kalbitz aus Brandenburg das neue mitteldeutsche Kraftzentrum der Partei bildet, scharf nationalkonservativ ausgerichtet.

2016 hatten Bundesvorstand und Parteikonvent den Parteimitgliedern verboten, bei Pegida zu sprechen. Das Bundesschiedsgericht der Partei hob wenig später den Vorstandsbeschluss aus der Ära Frauke Petrys teilweise auf. Ob das zweite Verbot, das des Konvents, weiter galt, das interpretierte jeder, wie er wollte.

Eine Demo, zwei Bühnen

Im Hinblick auf Dresden legalisierte der Konvent somit nur, was bereits gelebte Praxis war: Auf dem Dresdner Neumarkt demonstrierten AfD und Pegida seit einem Jahr gemeinsam – wenn auch mit zwei getrennten Bühnen. Die umfunktionierten Pritschenwagen standen aber direkt nebeneinander, das Publikum war dasselbe. Doch der auf Pegida Dresden bezogene Konventsbeschluss hat dennoch bundesweit Folgen, denn er öffnet Türen in anderen Regionen: Demonstrationsgrüße aus Dresden gingen am Montagabend nach Hamburg, München, Kandel, Bottrop.

In Cottbus ruft ein Pegida-ähnlicher Verein verstärkt zu Demonstrationen auf: Ende Februar kamen 2.500 Menschen. Auf der Bühne sprach ein Funktionär aus der AfD-Bundestagsfraktion. Es ist eine Frage der Zeit, dass auch in anderen Regionen die AfD-Vertreter mit den -gida-Bewegungen oder anderen politisch gleichgesinnten Vereinen gemeinsame Sache machen wollen.

Längst sieht sich Pegida-Cheforganisator Bachmann als Teil der AfD. Auch er trat in Cottbus auf. Am Wochenende kündigte er selbstbewusst an, demnächst "unsere Freunde in Bayern" im Herbst im Landtagswahlkampf zu unterstützen.

Ohne AfD-Logo

Hinzu kommt, dass der Konvent mit seinem Beschluss die eigene Bundesparteispitze brüskiert hat: Der Vorstand um Alexander Gauland und Jörg Meuthen hatte erst Ende Februar beschlossen, dass AfD-Mitglieder nicht mit AfD-Logo auf Pegida-Veranstaltungen auftreten dürfen, solange der wegen Volksverhetzung vorbestrafte Bachmann dort zur Führung gehört. Doch Bachmann erklärte sich auf Facebook für unverhandelbar. Er genießt die Nähe der AfD sichtlich. Am politischen Aschermittwoch in Sachsen posierte er mit den anwesenden Landesvorsitzenden auf der Bühne zum Abschlussfoto, die Nationalhymne singend.

Die Sachsen-AfD beschwichtigt: "Pegida ist nicht Bachmann", sagt Sachsen-Landesvorstandsmitglied Carsten Hütter. Es gehe nicht um Zusammenarbeit, sondern um das Recht der freien Meinungsäußerung, das der Konvent per Beschluss wiederhergestellt habe. Auch Sachsen-Landeschef Urban hat mit Bachmann kein Problem. "Wer da steht, ist Sache von Pegida." Dass er selbst bei Pegida ans Mikrofon tritt, "das mache ich nicht von Lutz Bachmann abhängig".