Im rheinland-pfälzischen Kandel haben am Nachmittag etwa 1.000 Menschen an der rechten Demonstration Kandel ist überall teilgenommen. Ihnen standen doppelt so viele Bürgerinnen und Bürger bei der Gegendemonstration Wir sind Kandel gegenüber, wie die Polizei ZEIT ONLINE mitteilte. Zu einer dritten Protestveranstaltung gegen die AfD seien 60 Menschen gekommen. Kandel hat etwa 9.000 Einwohner.

Die Polizei musste nach eigenen Angaben zweimal gegen Protestierende aus dem linken Spektrum einschreiten. Diese hätten Böller und Flaschen auf Beamte geworfen, woraufhin die Polizisten Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt hätten. Etwa 250 linke Demonstrantinnen und Demonstranten wurden zudem für eine Stunde eingekesselt. Durch die Auseinandersetzungen wurden drei Beamte leicht verletzt.

Insgesamt nahm die Polizei fünf Personen vorläufig fest. Ein Teilnehmer zeigte laut Polizei den Hitlergruß. Gegen ihn wurde Strafanzeige erstattet. Vier weiteren Personen werden Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und das Werfen von Pyomaterial, Beleidigung und weitere Delikte vorgeworfen.

"Die sind laut, aber wir sind mehr!"

Auslöser für die Kontroverse in der süddeutschen Kleinstadt ist der Tod einer 15-Jährigen Ende Dezember. Das Mädchen war mutmaßlich von seinem Ex-Freund getötet worden, einem Flüchtling aus Afghanistan. Der Beschuldigte hatte angegeben, zur Tatzeit erst 15 Jahre alt gewesen zu sein. Einem medizinischen Gutachten zufolge ist er jedoch einige Jahre älter. Der Fall löste vor allem in rechten Kreisen eine Debatte über Gewalt unter Flüchtlingen aus, es wurde außerdem über Alterstests bei jungen Flüchtlingen diskutiert.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), die an der Demonstration Wir sind Kandel teilnahm, sprach sich gegen eine politische Instrumentalisierung des Todesfalls aus. Sie stehe gemeinsam mit der Landesregierung an der Seite der Bürger, die für ein weltoffenes, liberales und gewaltfreies Miteinander eintreten, rief Dreyer den Demonstranten zu. Kandel lasse sich nicht zu einer Kulisse für Rechtsextreme machen. "Die sind laut, aber wir sind mehr!" Hinter Wir sind Kandel steht ein Bündnis aus Politik, Kirchen, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Gebhardt sagte, seit Wochen müsse man erleben, wie der Tod der 15-Jährigen von rechtsradikalen Kräften aus ganz Deutschland für deren Zwecke missbraucht werde. "Das ist unerträglich für diese Stadt, unerträglich für die ganze Region." Zugleich sprach er der Familie der Verstorbenen sein Mitgefühl aus. 

Die rechte Initiative Kandel ist überall fordert eine Schließung der Grenzen und eine Abschiebung illegal in Deutschland lebender Ausländer. Seit Dezember kam es in Kandel immer wieder zu rechten Demonstrationen. Anfang März zogen mehr als 4.000 Menschen durch die Stadt, darunter Hooligans und Rechtsextreme. Eingeladen hatte unter anderem die in Baden-Württemberg lebende AfD-Politikerin Christina Baum.