Zum Gegenteil aber auch nicht. Man kann mit Gabriel unter vier Augen sehr gut über seine Schwächen reden, seine Ängste, seine Kindheit, er schaut sehr klug und analytisch auf sich selbst. So war es auch bei dem Buchprojekt, das wir uns nach der Bundestagswahl 2013 vorgenommen haben. Lange Interviews waren das, zur SPD vor allem, ehrlich leidenschaftlich, frech und liebevoll. Und zu seinen Schwächen, in dieser Hinsicht bot das Buch gewissermaßen eine Erklärung für all das Irritierende, was eben auch von ihm ausgeht.

Die Öffentlichkeit und die Genossen konnten darin einen Mann kennenlernen, der um seine Fehler weiß, auch um ihr Herkommen, der reflektiert ist wie nur wenige Politiker. Genauer gesagt: Sie hätten ihn kennenlernen können. Denn das Buch, das einen Gabriel präsentierte, der Schwäche zu zeigen als Stärke versteht, ist nie erschienen. Er hat es gestoppt. Zu riskant war es ihm und seinen Beratern erschienen, sie setzten dann doch lieber auf die klassische Stärkeprojektion von Politikern: wenige Schwächen offenbaren. Und wenn sich doch mal eine zeigt, zügig drüber hinweggehen, Vorneverteidigung.

Irgendwo zwischen altem Macho und neuem Mann hat sich Sigmar Gabriel als Politiker verloren.

Ob ein vollständigeres Bild von Gabriel seine Schwierigkeiten mit der Öffentlichkeit und der eigenen Partei hätte überwinden können – wer weiß das schon. Vielleicht hatte er Recht mit seinem Rückzieher, vielleicht auch nicht. Gewiss hat es nicht den Ausschlag gegeben.

Denn das eigentlich Tragische an seiner Karriere liegt sowieso außerhalb seiner Person, nämlich in seiner Partei. Die befindet sich auf einem Kurs, der die jeweils schlechteren Eigenschaften ihrer Anführer (und Anführerinnen?) früher oder später hervortreibt und den Ausschlag geben lässt. Auch wenn Gabriel geht, so bleibt doch das Drama. In den Hauptrollen jetzt: Andrea Nahles und Olaf Scholz.