Die Erleichterung war Olaf Scholz anzumerken, als er am Sonntagmorgen mit leicht zerknittertem Gesicht im Willy-Brandt-Haus vor die Presse trat. Endlich einmal eine gute Nachricht, die er da verkünden konnte: Zwei Drittel der SPD-Mitglieder haben für eine große Koalition gestimmt. Der Weg ist frei, die Republik bekommt eine neue alte Regierung.

Für die SPD enden damit albtraumhafte Wochen, in denen sich die Führung der Partei mehrfach selbst demontierte, Meinungsforschungsinstitute immer neue historische Tiefststände verkündeten und zwei Wesenszüge dieser 155 Jahre alten Partei besonders deutlich hervortraten: Das vielfach gebrochene Verhältnis zur Macht, das die Sozialdemokraten seit jeher von ihren politischen Gegnern unterschied. Und, eng damit verbunden, ihr Hang zum Leiden an sich selbst.

Am glücklichsten war die SPD – der Parteienforscher Franz Walter hat darauf hingewiesen – in ihrer Geschichte immer dann, wenn sie sich in der Opposition befand. Als Partei der Ausgegrenzten war sie im Kaiserreich groß geworden, hatte einen mächtigen Organisationsapparat aufgebaut und sich in einer blühenden Vereinskultur eine sozialistische Gegenwelt zum preußischen Staat eingerichtet. 

Und auch in der frühen Bundesrepublik, als Konrad Adenauer und seine CDU sie als moskautreue Staatsfeinde schmähte, ging es der SPD nicht schlecht. Sie schloss nach innen ihre Reihen und nahm mit Stolz die Rolle des unterdrückten Kämpfers für die gute Sache an. Als Paria war man nicht gezwungen, die kleinen Erfolge des Regierungshandelns zu rechtfertigen und die ewigen Kompromisse gegen Vorwürfe aus dem eigenen Lager zu verteidigen.

Keine Zukunftsperspektive mehr

In der Regierung mussten sich die Sozialdemokraten krummlegen, in der Opposition konnten sie sich an den eigenen Idealen aufrichten. Die Macht betrachtete man folglich lange Zeit mit einer Portion Skepsis, schließlich schloss die Verantwortung den Verrat schon immer mit ein. Diese mürrische Distanz zum Regieren unterschied die SPD lange Zeit von der Union, die sich mit hehren programmatischen Idealen nie herumschlagen musste, sondern ihr Handeln vor allem durch Machtgewinn legitimierte.

In einer geschichtsbewussten Partei, die die SPD noch immer ist, wirkt diese Erfahrung bis heute nach. Und sie ließ sich besonders deutlich auf dem jüngsten Parteitag beobachten, als Andrea Nahles zornig die Kleinteiligkeit des Regierungshandelns verteidigte, während ihr ihre Gegnerinnen und Gegner den Wunsch nach "etwas Großem" entgegenhielten. 

Bloß ist mit Blick auf die Geschichte heute vieles anders. Natürlich sind die Sozialdemokraten keine Ausgegrenzten mehr, auch gibt es keine sozialistischen Biotope mehr, in denen man in der Opposition Kraft schöpfen kann. Aber vor allem: Eine Zukunftsperspektive besitzt die Partei heute nicht mehr.